The Fall

„The Fall“ von Tarsem Singh stand schon seit Ewigkeiten auf meiner Watchlist und ich bin sehr froh, dass ich ihn beim ersten Anschauen im Kino erleben durfte. 2006 veröffentlicht, gilt der Film immer noch als Geheimtipp, obwohl er zweifellos eines der außergewöhnlichsten Werke des modernen Kinos ist. Kaum ein anderer Film verbindet bildgewaltige Fantasie, emotionale Tiefe und handwerkliche Perfektion auf eine derart kompromisslose Weise. Bei hemkino. Köln bildet „The Fall“ den Abschluss des Juni-Programms zum Thema „Where Is My Mind?“.

Im Los Angeles des frühen 20. Jahrhunderts liegt der Stuntman Roy Walker (Lee Pace) nach einem schweren Unfall im Krankenhaus. körperlich gebrochen und emotional am Ende begegnet er der kleinen Alexandria (Catinca Untaru), einem Mädchen mit gebrochenem Arm und unerschöpflicher Neugier. Roy fängt an, ihr eigennützig motiviert eine märchenhafte Geschichte zu erzählen. Was als Abenteuer mit Banditen, Helden und fantastischen Landschaften beginnt, entwickelt sich langsam zu einem Spiegel seiner eigenen Verzweiflung.

Film Still mit Lee Pace "The Fall" von Tarsem Singh

© Summit Entertainment

In der cinephilen Bubble wird „The Fall“ oft als einer der schönsten Filme, den fast niemand gesehen hat, bezeichnet. Die Bilder dieses Films sind in der Tat schlichtweg atemberaubend. Tarsem Singh verzichtet fast vollständig auf digitale Effekte. Stattdessen drehte er über 4 Jahre lang in mehr als 20 verschiedenen Ländern, um seine surreal anmutenden Settings zu finden. Gerade dadurch besitzen die Bilder eine außergewöhnliche Authentizität und zeitlose Schönheit. Dabei spiegelt die visuelle Ebene stets den emotionalen Zustand der Charaktere wider. Farben, Landschaften und Figuren werden zum Ausdruck von Hoffnungen, Ängsten und Verzweiflung. Die Fantasie wird dadurch zu einem emotionalen Raum, in dem Gefühle sichtbar werden, für die Worte nicht mehr ausreichen.

Außergewöhnlich ist auch die vielschichtige erzählerische Konstruktion des Films. Die Geschehnisse im Krankenhaus sind nicht einfach nur Rahmenhandlung für die fantastische Erzählung, sondern beeinflussen und formen sie. Die Geschichte entsteht im Moment des Erzählens und wird von Alexandrias kindlicher Fantasie beeinflusst. Was Roy beschreibt, verwandelt sich in ihrem Kopf zu Bildern, die sich aus ihren eigenen Erfahrungen zusammensetzen und Realität und Erzählung durchbrechen sich zunehmend gegenseitig. Die Fantasiewelt gehört weder vollständig Roy noch Alexandria. Sie entsteht im Zusammenspiel zwischen Erzähler und Zuhörerin, wodurch der Prozess des Geschichtenerzählens selbst zum Teil der Erzählung wird.

Film Still "The Fall" von Tarsem Singh

© Summit Entertainment

Die enge Verbindung zwischen innerem Erleben und visueller Gestaltung machen „The Fall“ zu einem Film, der weniger logisch verstanden als emotional erlebt werden möchte. Unter der märchenhaften Oberfläche verbirgt sich eine Reflexion über Depression und den Verlust von Lebenswillen. Roy erzählt seine Geschichte zunächst aus eigennützigen Motiven. Doch je stärker die Bindung zwischen ihm und Alexandria wächst, desto mehr verändert sich auch seine Erzählung und mit ihr seine Sicht auf das eigene Leben.

Bei heimkino. schließt „The Fall“ das Juni-Programm zu Thema „Where Is My Mind?“ ab. Wie schon die anderen Beiträge des Monats stellt der Film die Frage, wie subjektiv Realität eigentlich ist. Doch anstatt Orientierungslosigkeit ausschließlich als Verlust zu begreifen, zeigt Singh auch ihre kreative und schöpferische Seite. Fantasie wird hier als Möglichkeit verstanden, Realität überhaupt erst auszuhalten. Der Film zeigt, dass unsere Vorstellungskraft nicht im Widerspruch zur Wirklichkeit stehen muss, sondern uns helfen kann, sie besser zu verstehen. Gerade dadurch bildet der Film einen hoffnungsvollen und versöhnlichen Abschluss des Themenmonats.

Film Still "The Fall" von Tarsem Singh

© Summit Entertainment

„The Fall“ ist alles, was ich mir unter großem Kino vorstelle: innovativ und eigenwillig, visuell atemberaubend und emotional ergreifend. Fantasy, Märchen und Charakterstudie greifen hier nahtlos ineinander. Gerade weil sich der Film nicht darum bemüht, jede Frage eindeutig zu beantworten und seine Geschichte vordergründig über Bilder, Emotionen und Symbolik erzählt, entfaltet er eine besondere Intensität. Eine großartige Seherfahrung, die besonders auf der großen Leinwand ihre volle Wirkung entfaltet.

Der Juni bei heimkino. zum Thema „Where Is My Mind?“ hat vier verschiedene Werke rund um Identität und Realitätswahrnehmung betrachtet. Hier geht es zur Monatsübersicht.

Filmposter "The Fall" Tarsem Singh, Lee Pace
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