Sicario
Nach einem exzessiven und grellen Monatsauftakt ging es bei heimkino. diesen Mittwoch kühl und kalkuliert weiter. „Sicario“ von Denis Villeneuve erzählt davon, wie schnell sich moralische Prinzipien auflösen, wenn sie mit der blanken Realität konfrontiert werden. Das Monatsthema „Uppers and Downers“ wird damit um eine entscheidende Perspektive erweitert – weg vom subjektiven Erleben des Rausches hin zu den gewaltsamen Strukturen, die ihn überhaupt erst möglich machen.
FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) wird in eine geheime Operation gegen mexikanische Drogenkartelle hineingezogen. Unter der Leitung des undurchsichtigen Regierungsberaters Matt Graver (Josh Brolin) finden eine Reihe zunehmend brutaler und rechtlich fragwürdiger Missionen entlang der US-mexikanischen Grenze statt. Während Kate versucht, an ihren Prinzipien und Werten festzuhalten, agiert ihr rätselhafter Kollege Alejandro Gillick (Benicio del Toro) zunehmend mit eigenen Regeln.
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Inhaltlich ist es vor allem die Darstellung von Gewalt, die „Sicario“ von anderen Action-Thrillern abhebt: Statt spektakulärer Höhepunkt ist sie eine logische und kalkulierte Konsequenz eines Systems, das auf Kontrolle, Einschüchterung und Eskalation aufgebaut ist. Brutalität erscheint als notwendiges Mittel, um Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Villeneuve interessiert sich dabei besonders für die Mechanismen, die Menschen dazu bringen, moralische Grenzen zu überschreiten und dafür, ob es in solch einem Kontext überhaupt noch so etwas wie richtig oder falsch geben kann. Kate Macer wird dabei zur tragischen Figur, weil sie als Einzige versucht, an diesen Kategorien festzuhalten.
Die Bildsprache des Films ist geprägt von einer kühlen Präzision, die die Geschehnisse, insbesondere die Gewalt, mit dokumentarischer Nüchternheit einfängt und beim Zusehen direkt unter die Haut geht. Weite Totalen der Grenzlandschaften treffen auf klaustrophobische Innenräume, in denen sich die Spannung fast unerträglich verdichtet. Die Kamera beobachtet, ohne zu kommentieren und erzeugt dadurch eine moralische Distanz, die das Geschehen umso eindringlicher und erschreckender wirken lässt. Der Score von Jóhann Jóhannsson ist einer der intensivsten, die ich je im Kino erlebt habe. Tiefe, pulsierende Klänge machen den Soundtrack körperlich spürbar und verstärkt das Gefühl einer stetig wachsenden Bedrohung.
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Im Kontext des April bei heimkino. zum Thema „Uppers and Downers“ steht „Sicario“ für die strukturelle Ebene. Hier geht es nicht um den individuellen Rausch, sondern um das System, das ihm zugrunde liegt und ihn kontrolliert. Der Film zeigt die kalte Realität hinter dem Konsum: die Netzwerke, die Gewalt und die politischen Interessen, die oft unsichtbar bleiben. So entsteht ein bewusster Bruch innerhalb des Monatsprogramms. Der Film zwingt dazu, das zuvor Gesehene neu einzuordnen – das High bekommt eine Herkunft und eine Kontext. „Sicario“ durchbricht die bunte Illusion und lenkt den Blick auf die Mechanismen, die den Kreislauf von Rausch, Macht und Gewalt überhaupt erst antreiben.
Denis Villeneuve ist ein Meister der Spannung und „Sicario“ ist ohne Frage eines seiner intensivsten Werke. Die Stärke des Films liegt dabei besonders in seiner konsequent aufgebauten Atmosphäre, die sich Szene für Szene verdichtet. Gerade im Kino entfaltet sich diese Wirkung besonders eindrücklich: Die langen Spannungsbögen, die präzise Inszenierung und die wuchtige Klangkulisse entfalten im dunklen Saal eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Dieser Film lässt sein Publikum mit einer Unruhe zurück, die sich nicht sofort auflösen lässt und zeigt, dass hinter jedem Rausch eine Realität steht, die man nicht ausblenden kann.
Noch mehr Highs und Lows gibt es im restlichen April im heimkino.-Programm „Uppers und Downers“. Hier geht es zur Monatsübersicht.