Donkey Days

Mit ihrem zweiten Langspielfilm legt Regisseurin Rosanne Pel ein Werk vor, das auf erfrischende Weise mit vielen Konventionen und Klischees der deutschen Filmlandschaft bricht. „Donkey Days“ ist schwarze Komödie, absurdes Familiendrama und psychologische Studie zugleich. Vor allem aber ist es ein Film über die Narben, die familiäre Machtverhältnisse und Rollenbilder hinterlassen und über die Frage, ob man sich nach einer langen Zeit des Aushaltens überhaupt noch von ihnen lösen kann.

Die erwachsenen Schwestern Anna (Jil Krammer) und Charlotte (Susanne Wolff) kämpfen seit ihrer Kindheit um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter Ines (Hildegard Schmahl). Dieser Kampf ist das Ergebnis eines Systems, das die Mutter über Jahre hinweg geschaffen hat – ein ständiges Hin und Her zwischen Zuneigung, Distanz und Sticheleien. Als die Schwestern in ihr Elternhaus zurückkehren, brechen alte Wunden auf und lange verschwiegene Geheimnisse kommen ans Licht.

Jil Krammer und Susanne Wolff als Anna und Charlotte in "Donkey Days" von Rosanne Pel

© Salzgeber

Schon in den ersten Minuten wird deutlich: „Donkey Days“ ist kein klassisches Familiendrama. Wo viele Filme dieses Genres auf große Enthüllungen und klar definierte Konfliktlinien setzen, interessiert sich Rosanne Pel vor allem für die feinen Risse innerhalb ihrer Figuren und legt ihre Widersprüche offen, ohne sie dafür zu verurteilen. Die Spannungen zwischen Anna, Charlotte und Ines sind allgegenwärtig und wirken nie wie dramaturgische Konstruktionen, sondern wie das Ergebnis eines über Jahrzehnte gewachsenen Systems aus Konkurrenz, emotionaler Abhängigkeit und unausgesprochenen Erwartungen.

So eigenwillig wie seine Figuren ist auch der Tonfall des Films. „Donkey Days“ bewegt sich permanent zwischen Dramatik und absurder Komik. Momente emotionaler Eskalation werden immer wieder von grotesken Situationen oder trockenem Humor durchbrochen. Dieser ständige tonale Wandel funktioniert, weil er sich organisch aus den Figuren und ihren Beziehungen zueinander ergibt. Pel gelingt dabei das Kunststück, über dysfunktionale Familienstrukturen zu lachen, ohne deren Schmerzhaftigkeit zu relativieren.

Hildegard Schmahl als Ines in "Donkey Days" von Rosanne Pel

© Salzgeber

Formal verweigert sich der Film einfachen Erzählmustern. Die Handlung entfaltet sich oft fragmentarisch, Informationen werden zurückgehalten und Zusammenhänge erst nach und nach sichtbar. Diese Struktur spiegelt die innere Verfassung der Figuren wider. Familiengeschichten existieren selten als klare Chronologien. Viel mehr bestehen sie aus Erinnerungsfragmenten, Halbwahrheiten, Verdrängung und subjektiven Perspektiven. Die Kameraarbeit von Aafke Beernik unterstützt diesen Eindruck. Die dynamische, oft unruhige Handkamera erzeugt eine Atmosphäre permanenter Unsicherheit und visualisiert, dass sich die Figuren gegenseitig selten eine Pause zugestehen.

„Donkey Days“ lebt von seinem Ensemble. Die Hauptdarstellerinnen harmonieren schauspielerisch sehr gut miteinander und Susanne Wolff wie auch Hildegard Schmahl bringen ihre ambivalenten Figuren überzeugend auf die Leinwand. Die größte Überraschung ist allerdings Jil Krammer, die eigentlich als Köchin arbeitet und für „Donkey Days“ zum ersten Mal und ohne wirkliche Vorerfahrung vor der Kamera stand. Ihre Darstellung ist unglaublich roh und authentisch. Sie spielt Anna mit einer Unmittelbarkeit, die wohl eben dadurch zustande kommt, dass sie nicht auf erlernte Techniken zurückgreift. Gerade in den emotional aufgeladenen Szenen entwickelt sie eine enorme Präsenz und wird zum emotionalen Zentrum des Films.

Jil Krammer und Susanne Wolff als Anna und Charlotte in "Donkey Days" von Rosanne Pel

© Salzgeber

„Donkey Days“ fordert und nimmt genau wie seine Figuren Raum ein. Er hat Ecken und Kanten, ist manchmal irritierend, doch stets auf eine absurde Art und Weise unterhaltsam. Vor allem aber bleibt er lange im Gedächtnis. Rosanne Pel gelingt ein ungewöhnlicher deutschsprachiger Film, der sich weder dramaturgisch noch tonal in vertraute Schubladen einordnen lässt. Gerade seine Eigenwilligkeit macht ihn so sehenswert. Ein mutiges und originelles Werk, das zeigt, wie spannend und unberechenbar deutsches Kino sein kann, wenn es sich traut, gewohnte Wege zu verlassen.

Anlässlich des Kinostarts konnte ich Regisseurin Rosanne Pel und Darstellerin Jil Krammer interviewen und über den Entstehungsprozess und die Hintergründe des Films sprechen. Hier geht es zum Interview.

Im Podcast beim Tele-Stammtisch haben Stu und ich „Donkey Days“ außerdem ausführlich besprochen und unsere persönlichen Zu- und Abneigungen für den Films diskutiert. Hier geht es zur Podcast-Folge.

„Donkey Days“ startet am 25. Juni 2026 in den deutschen Kinos.

Filmposter "Donkey Days" Rosanne Pel, Jil Krammer, Susanne Wolff, Hildegard Schmahl
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