„Auch Frauen können und sollten wütend und laut sein“: Rosanne Pel und Jil Krammer über Donkey Days
Die schwarzhumorige Familiendramödie Donkey Days feierte im vergangene Jahr ihre Weltpremiere beim Locarno Film Festival und polarisierte dort bereits das Publikum. Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Frauen - Anna und Charlotte, zwei erwachsene Schwestern und ihre übermächtige Mutter Ines -, die in festgefahrenen familiären Mustern, alten Verletzungen und unausgesprochenen Konflikten gefangen sind.
Anlässlich des Kinostarts erzählen Regisseurin Rosanne Pel und Hauptdarstellerin Jil Krammer im Interview von der außergewöhnlichen Entstehungsgeschichte des Films, der Bedeutung des Esels und davon, welchen Raum weibliche Figuren im Kino einnehmen dürfen.
Ein Drehbuch im Wandel
Dass Donkey Days so eigenwillig geworden ist, liegt nicht zuletzt an der ungewöhnlichen Arbeitsweise seiner Regisseurin. Gedreht wurde in fünf separaten Drehblöcken über ein Jahr verteilt. Zwischen diesen Blöcken entwickelte Rosanne Pel das Drehbuch kontinuierlich weiter. „Für mich ist es sehr wichtig, mehr Zeit zu haben, um bestimmte Themen wirklich zu recherchieren und intensiv mit den Schauspielern zusammenzuarbeiten“, erzählt sie. „Es ist ein riesiger Vorteil, chronologisch zu drehen, da jeder das Hintergrundwissen und den Kontext der Szene kennt und man von dort aus alles Weitere aufbauen kann.“
Dank dieser Arbeitsweise war es den Darstellerinnen möglich, sich gemeinsam mit ihren Figuren zu entwickeln. Die Charaktere entstanden nicht allein auf dem Papier, sondern wuchsen während des gesamten Produktionsprozesses. „So hat sich Anna für mich immer weiter entpuppt. […] Die ersten zwei Drehblöcke waren besonders herausfordernd, als die Charaktere für mich, oder ich denke für uns alle, noch recht abstrakt waren. Es war auch immer wieder eine Überraschung, was sich Rosanne zwischen den Drehblöcken Neues überlegt hat“, erinnert sich Jil Krammer.
© Salzgeber
Eine Hauptdarstellerin, die eigentlich Köchin ist
Ebenso ungewöhnlich wie die Entstehungsgeschichte ist die Besetzung der Hauptrolle. Denn Jill Krammer ist eigentlich als Köchin in Hamburg und stand für Donkey Days erstmal vor der Kamera „Ich wusste erstmal gar nicht, was mich da erwartet. Und mich selber vor der Kamera zu sehen, war am Anfang wirklich seltsam. Man sieht sich einfach selten von schräg hinten rechts“, erinnert sie sich lachend. Trotz anfänglicher Unsicherheiten entwickelte sich die Dreherfahrung für Krammer zu einer persönlichen Bereicherung. Die Arbeit am Film weckte nicht nur ihre Freude an der Schauspielerei, sondern auch den Wunsch, künftig vielleicht noch in andere Rollen zu schlüpfen.
„[Es ist] immer eine gute Erfahrung, über den eigenen Schatten zu springen und Sachen zu machen, vor denen man vorher Angst hat. Danach stellt man fest, dass man das gut gemacht hat. Das lässt einen wachsen und nimmt einem auch ein bisschen die Angst vor dem Leben. Ich habe das oft einfach als eine Art Lebens-Challenge gesehen, diesen Film zu machen und daran zu wachsen.“
- Jil Krammer
Dass die Wahl auf eine Darstellerin ohne Schauspielausbildung fiel, war für Rosanne Pel eine bewusste Entscheidung. Die Regisseurin kritisiert, dass viele Casting-Agenturen immer wieder ähnliche Frauentypen vermitteln würden, die häufig denselben Schönheitsidealen und Körpernormen entsprechen. Für die Rolle der Anna suchte sie stattdessen nach einer Persönlichkeit, die etwas Eigenes mitbringt und mit Konventionen bricht.
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Familie und Rollenbilder
Ein zentrales Thema von Donkey Days sind familiäre Zuschreibungen und die Frage, wie schwer es sein kann, sich von ihnen zu lösen. Um diese Dynamik glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen, verbrachte das Ensemble bereits vor Drehbeginn eine Woche gemeinsam in einem abgelegenen Haus:
„Wir haben uns dort quasi eine Woche eingesperrt, uns kennengelernt und über eigene Erfahrungen gesprochen, über Familie und darüber, wie schwer es sein kann, sich von Rollenbildern, die man in einer Familie oft zugesprochen bekommt, wieder zu befreien. Jeder verändert sich, aber in der Familie ist es oft schwierig, das zu akzeptieren, dass man sich verändert und weiterentwickelt und dann steckt man oft in seiner Rolle fest.“
- Jil Krammer
Diese Erfahrungen bilden das emotionale Fundament des Films. Denn Donkey Days erzählt letztlich von Menschen, die sich verändern wollen, aber immer wieder an den Erwartungen ihrer Familie und ihrer eigenen Vergangenheit scheitern.
Warum eigentlich Esel?
Natürlich stellt sich bei einem Film mit dem Titel Donkey Days die Frage nach dem Esel. Die Antwort darauf ist überraschend persönlich. „Das stammt tatsächlich von meiner Großmutter, denn als sie starb, erfuhren wir, dass sie schon seit vielen Jahren einen Esel unterstützt hatte“, erzählt Rosanne Pel.
Ursprünglich spielten Esel im Film gar keine so große Rolle. Doch im Laufe der Dreharbeiten und bei der späteren Sichtung des Materials fiel auf, dass sich bereits zahlreiche Esel-Darstellungen im Haus und in den Hintergründen vieler Szenen fanden. Der Esel, der stereotypischerweise als besonders stures Tier gilt, wird in „Donkey Days“ zur treffenden Metapher. Die Regisseurin erklärt: „Da ist dieses Gefühl der Sturheit, das im Film sehr präsent ist. Dieses Dreiecksverhältnis zwischen den Frauen, die aus einem bestimmten Muster nicht ausbrechen können und so festgefahren und so stur sind, dass sie sich nicht bewegen können.“
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Frauen dürfen unbequem sein
Die Frauen, die im Zentrum des Films stehen, sind vieles, aber sicher nicht Sympathiträgerinnen im klassischen Sinne. Sie schreien. Sie streiten. Sie verletzen sich gegenseitig. Sie treffen schlechte Entscheidungen. Gerade deshalb hält Pel sie für so wichtig.
„Ich habe versucht, die Rollen, in die Frauen gesteckt werden, zu erweitern und beispielsweise zu zeigen, wie sie ihre Wut zum Ausdruck bringen können. Bei Männern können wir sehr gut akzeptieren, dass sie auf der Leinwand regelrechte Psychopathen sein können und wir haben auch noch Spaß daran. Auch Frauen können und sollten wütend und laut sein.“
- Rosanne Pel
Während das Kino seit Jahrzehnten männlichen Figuren Raum für Wut, Aggression und moralische Ambivalenz gibt, werden Frauen auf der Leinwand noch immer häufig nach anderen Maßstäben bewertet. Die Regisseurin möchte Figuren zeigen, die Raum einnehmen dürfen, auch wenn sie dadurch anecken. Für sie entsteht gerade in dieser potentielle Reibung mit dem Publikum etwas Spannendes. Wer die Figuren ablehnt, werde zwangsläufig auch mit den eigenen Vorstellungen darüber konfrontiert, wie Frauen sich zu verhalten haben und diese Auseinandersetzung sei in jedem Fall etwas Gutes.
© Salzgeber
Ein Film, der eigene Wege geht
Sowohl in seiner Entstehung als auch in seinen Themen setzt Donkey Days auf Offenheit, Vertrauen und die Bereitschaft, gewohnte Wege zu verlassen. Die lange Entwicklungszeit, die enge Zusammenarbeit innerhalb des Ensembles und die bewusste Entscheidung für eine Hauptdarstellerin ohne Schauspielausbildung spiegeln dabei denselben Anspruch wider, der den Film prägt: Authentizität statt Konvention.
Gerade in einer Zeit, in der viele Film- und Serienproduktionen auf bewährte Muster, klare Dramaturgien und möglichst breite Zugänglichkeit setzen, wirkt Donkey Days erfrischend eigenständig. Der Film nimmt sich die Freiheit, Ecken und Kanten zu behalten, sowohl in seiner Form als auch in seinen Figuren. Und genau solche Filme braucht die Kinolandschaft: Werke, die Risiken eingehen, Konventionen hinterfragen und Raum für neue Perspektiven schaffen.
„Donkey Days” startet am 25. Juni 2026 in den deutschen Kinos.