Drunken Noodles

Das zeitgenössische Autorenkino leidet mitunter an einem merkwürdigen Widerspruch: Es behauptet oft, den Alltag abzubilden, strukturiert ihn aber dennoch nach den vertrauten Regeln klassischer Dramaturgie. Filmemacher Lucio Castro geht mit „Drunken Noodles“ einen anderen Weg und interessiert sich für das Ungeordnete im Leben selbst – für Begegnungen ohne Pointe, Erinnerungen ohne Chronologie und Beziehungen, die sich einer eindeutigen Einordnung entziehen.

In Brooklyn hütet der junge Student Adnan die Wohnung seines Onkels. In Chinatown jobbt er in einer Galerie, in der die verspielten, sexuell aufgeladenen Stickereien des älteren Künstlers Sal ausgestellt werden. Mit ihm hatte Adnan vor einem Jahr eine zärtliche Affäre, so wie er im Hier und Jetzt nächtliche Abenteuer mit dem jungen Essenskurier Yariel erlebt. Und dazwischen hallt das Echo seiner großen Liebe zu dem Schriftsteller Iggie. Vergangenheit und Gegenwart verflechten sich, während sich Adnan treiben lässt zwischen Hook-Ups und dem Rauschen der Stadt, zwischen funkelnden Häuserschluchten und einem verzauberten Wald.

Film Still "Drunken Noodles" von Lucio Castro

© Salzgeber

Die Geschichte ist ein Mosaik aus Erinnerungen und Erlebnissen und so subjektiv ist auch die Erzählstruktur. Vergangenheit und Gegenwart durchdringen sich gegenseitig und zwischen diesen Zeitebenen gibt es keine klar markierten Grenzen. Der Film fordert Aufmerksamkeit, um aus kleinen Details die zeitlichen Abläufe und Zusammenhänge der Handlungsfragmente zu erschließen. Dadurch entsteht eine eigentümliche Melancholie. Die Vergangenheit ist in diesem Erzählkonstrukt niemals abgeschlossen – sie ist Gegenwart und Zukunft zugleich.

Besonders schön ist, dass „Drunken Noodles“ Konflikte innerhalb von Queerness zeigt und nicht Konflikte um oder wegen Queerness. Während viele Filme ihre Figuren über gesellschaftliche Spannungen definieren, zeigt dieser Film Menschen, deren Identität nicht ständig erklärt oder verteidigt werden muss. Das Queersein ist ein selbstverständlicher Bestandteil ihrer Existenz und dient keinesfalls als reines dramaturgisches Mittel. Stattdessen rücken universelle Fragen in den Mittelpunkt und gerade weil der Film seine Figuren nicht auf ihre sexuelle Identität reduziert, wirken ihre Sehnsüchte und Unsicherheiten umso authentischer.

Film Still "Drunken Noodles" von Lucio Castro

© Salzgeber

Die Ruhe und Sensibilität der Erzählung spiegeln sich auch in der visuellen Gestaltung wider. Viel natürliches Licht und eine ruhige, beobachtende Kamera versetzen den Zuschauer in die Position eines stillen Beobachters, wodurch eine gewisse Intimität entsteht. Konflikte entfalten sich in Blicken und Gesten und gerade weil der Film diesen kleinen Momenten so viel Aufmerksamkeit schenkt, entwickeln sie eine überraschende emotionale Wucht. Die Kamera drängt sich dabei nie in den Vordergrund, sondern begleitet ihre Figuren mit großer Geduld und Aufmerksamkeit.

„Drunken Noodles“ erzählt von Vergänglichkeit, von der Flüchtigkeit zwischenmenschlicher Begegnungen und von der Sehnsucht, Momente festzuhalten, die längst vergangen sind. Der Film zeigt, dass Erinnerungen sich ständig verändern und unser gegenwärtiges Leben beeinflussen. Dabei verweigert er einfache Antworten oder eindeutige Auflösungen. Vielmehr akzeptiert er, dass Menschen häufig in Zwischenzuständen leben, Gefühle selten klar voneinander zu trennen sind und manche Beziehungen niemals einen wirklichen Abschluss finden. Gerade diese Offenheit macht den Film so berührend und universell.

Film Still "Drunken Noodles" von Lucio Castro

© Salzgeber

„Drunken Noodles“ ist ein stilles, sinnliches und bemerkenswert feinfühliges Drama über Liebe, Erinnerung und die Spuren, die Menschen ineinander hinterlassen. Der Film vertraut ganz auf seine Atmosphäre, seine beobachtenden Bilder und seine Figuren, anstatt sich klassischen Erzählkonventionen zu unterwerfen. Das verlangt seinem Publikum zwar Aufmerksamkeit und Geduld ab, belohnt diese aber mit einem außergewöhnlich intimen Kinoerlebnis. Lucio Castro beweist eindrucksvoll, dass großes Gefühl oft gerade in den leisen, unscheinbaren Momenten des Alltags verborgen liegt.

„Drunken Noodles“ läuft im Juli in der Queerfilmnacht. Alle Termine findet ihr hier.

Filmposter "Drunken Noodles" von Lucio Castro
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