The Favourite

Kostümdramen versprechen normalerweise Eleganz, höfische Etikette und politische Intrigen mit stilvoller Distanz. Doch Yorgos Lanthimos’ „The Favourite“ interessiert sich nicht für Würde. Der Film reißt dem historischen Prestige-Kino die Perücke vom Kopf und zeigt eine Welt, in der Macht nach Schweiß riecht, Liebe zur Waffe wird und Einsamkeit jede Beziehung vergiftet. Lanthimos verwandelt den britischen Hof in einen absurden Mikrokosmos voller Unsicherheit, Begehren und Rivalität.

Königin Anne (Olivia Colman) ist körperlich und emotional zerfallen. Von Gicht gezeichnet, traumatisiert durch den Verlust ihrer Kinder und unfähig, politische Verantwortung wirklich auszuüben, klammert sie sich an Lady Sarah (Rachel Weisz), ihre engste Vertraute und Geliebte. Während Sarah große politische Macht ausübt, indem sie Anne emotional kontrolliert, tritt ihre verarmte Cousine Abigail auf den Plan. Ohne andere Perspektive, unterschätzt und opportunistisch ist sie bereit, sich Stück für Stück an diese Macht heranzuschleichen.

Emma Stone und Olivia Colman als Abigail Hill und Queen Anne in "The Favourite" von Yorgos Lanthimos

© Twentieth Century Fox

Yorgos Lanthimos ist nicht gerade für die Zugänglichkeit seiner Filme bekannt. Wer „The Lobster“ oder „Poor Things“ kennt, weiß, dass seine Werke von absurden Figuren und oft surrealen Settings leben. Auch „The Favourite“ trägt diese Handschrift, aber weitaus abgeschwächter. Der Film ist zugänglicher und emotional direkter als die meisten von Lanthimos’ anderen Arbeiten. Dennoch bleibt seine typische Mischung aus trockenem Humor, emotionaler Kälte und unangenehmer Beobachtung jederzeit spürbar. Szenen schwanken zwischen Komik und Grausamkeit und genau darin liegt eine der größten Stärken des Films: Das Publikum weiß nie, ob es lachen oder erschrocken sein soll.

Auch visuell bleibt Lanthimos kompromisslos. Gemeinsam mit Kameramann Robbie Ryan verwandelt er den Königshof in einen verzerrten Raum voller Unsicherheiten und Machtspiele. Extreme Weitwinkelaufnahmen, lange Gänge und der erdrückende Prunk der Inneneinrichtung lassen die Figuren verloren und isoliert wirken. Ganze Arbeit geleistet hat auch Kostümbildnerin Sandy Powell. Ihre Entwürfe verbinden historische Elemente mit modernen Akzenten und erzählen subtil von Status und Rollenbild. Gerade weil „The Favourite“ nie versucht, historisch steril oder museal zu wirken, fühlen sich Kostüme und Ausstattung lebendig und teils ungewöhnlich gegenwärtig an.

Nicholas Hoult als Robert Harley in "The Favourite" von Yorgos Lanthimos

Lanthimos ist bekannt für sein wiederkehrendes Ensemble. Mit Emma Stone arbeitet er seit vielen Jahren bis heute zusammen. Ihre expressiven Gesichtszüge und komödiantisches Timing passen perfekt zu Lanthimos’ eigenwilligem Stil. In ihrer Rolle als Abigail gelingt Stone ein faszinierender Balanceakt zwischen Naivität und Berechnung. Olivia Colman gewann für ihre Rolle als Queen Anne 2019 den Oscar für beste Hauptdarstellerin und das völlig zu Recht. Ihre Figur ist lächerlich, vulgär, tyrannisch, kindlich und dabei zugleich herzzerreißend verletzlich. Diese fragile Mischung aus Lächerlichkeit und Tragik macht ihre Darstellung so außergewöhnlich.

Im Rahmen des heimkino.-Monats „Love Me, Love Me Not“ ist „The Favourite“ der perfekte Auftaktfilm, weil er Beziehungen nicht als romantische Ideale, sondern als komplizierte Machtverhältnisse zeigt. Liebe erscheint hier nie bedingungslos oder unschuldig. Sie ist verbunden mit Abhängigkeit, Eifersucht und Kontrolle. Der Film stellt dabei immer wieder die Frage, ob echte Nähe überhaupt möglich ist, wenn jede Beziehung zugleich von gesellschaftlichem Status und persönlichem Nutzen geprägt wird. Anne, Sarah und Abigail suchen alle auf ihre eigene Weise nach Liebe und Anerkennung, doch ihre Sehnsucht äußert sich in Manipulation, emotionaler Erpressung oder strategischem Verhalten. Gerade dadurch wirkt „The Favourite“ so modern: Hinter den historischen Kostümen verbergen sich Dynamiken, die auch heute noch erschreckend vertraut erscheinen.

Rachel Weisz als Lady Sarah Churchill Duchess of Malborough in "The Favorite" von Yorgos Lanthimos

„The Favourite“ ist weit mehr als ein exzentrisches Kostümdrama. Hinter dem schwarzen Humor, den bissigen Dialogen und der absurden Hofwelt verbirgt sich ein erstaunlich präziser Blick auf menschliche Beziehungen. Der Film ist gleichermaßen unterhaltsam, verstörend und traurig und genau diese emotionale Widersprüchlichkeit macht ihn so außergewöhnlich. Lanthimos gelingt es, sein Publikum gleichzeitig zum Lachen und zum Unwohlsein zu bringen. Statt klarer Heldinnen und Bösewichte begegnen uns Menschen, die lieben wollen, Aufmerksamkeit suchen und dabei immer wieder an ihren eigenen Begehren scheitern. Ein Film, der zeigt, wie schmal der Grat zwischen Liebe, Abhängigkeit und Manipulation sein kann.

Noch mehr Machtspiele, Intrigen und natürlich auch echte Romantik gibt es im restlichen Mai bei heimkino. zum Thema „Love Me, Love Me Not“. Hier geht es zur Monatsübersicht.

Filmposter "The Favorite" Yorgos Lanthimos
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„Love Me, Love Me Not“ - Mai 2026