Crank
Mit „Crank“ schufen Mark Neveldine und Brian Taylor 2006 ein Action-Spektakel, das nicht nur durch sein Tempo, sondern gleichsam durch seine radikale Inszenierung provoziert. Der Film ist ein wilder Ritt durch Los Angeles und eine künstlerische Abrechnung mit dem klassischen Actionkino. Bei heimkino.köln gliedert sich der Film in den Februar zum Thema „Poetry in High Speed“ ein und bringt das Monatsprogramm zum Abschluss.
Chev Chelios (Jason Statham), ein Auftragskiller in Los Angeles, wird von seinem Rivalen Ricky Verona (Jose Pablo Cantillo) vergiftet. Das synthetische Gift senkt seinen Adrenalinspiegel kontinuierlich und sobald sein Puls zu sehr absackt, stirbt er. Die einzige Lösung: Chev muss das Adrenalin in seinem Blut erhöhen und seinen Körper permanent in Alarmbereitschaft halten: Mit Drogen. Mit Gewalt. Mit Sex. Mit Geschwindigkeit.
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Bei diesem Film ist nicht nur die Hauptfigur auf Koks, sondern auch die Kamera. Neveldine und Taylor inszenieren, als hätten sie Angst vor dem Atemholen. Die Kamera ist hyperaktiv, wackelig, voyeuristisch. Perspektiven wechseln abrupt und verzerren sich, immer wieder gibt es digitale Einblendungen. Split-Screens und visuelle Gags zerlegen gängige Erzählkonventionen. Die Bildsprache wirkt roh und improvisiert, wie ein audiovisueller Adrenalinschub, wodurch ein Gefühl von konstanter Überstimulation erzeugt wird.
Die beiden Regisseure kommen ursprünglich aus dem Musikvideo- und Werbebereich und übertragen diese Ästhetik kompromisslos auf einen Langfilm. Die visuelle Überforderung ist weit mehr als reine Spielerei – sie ist eine subjektive Perspektive. Das Publikum nimmt das Geschehen durch Chevs Augen wahr und erlebt seinen psychologischen Ausnahmezustand. Die Inszenierung simuliert Stress, Reizüberflutung und Kontrollverlust. Die Welt ist hektisch, überdreht und fragmentiert, weil sein Körper es ist. Nicht die äußere Handlung bestimmt das Tempo, sondern der innere Zustand der Figur.
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Ich muss gestehen, dass ich ein wenig skeptisch an „Crank“ herangegangen bin, da Actionkino nicht unbedingt mein Genre ist. Doch der Film hat stellenweise wirklich Spaß gemacht. Besonders im Mittelteil habe ich mitgefiebert und vor allem viel gelacht, oft allerdings auch aus Irritation. „Crank“ balanciert auf einer schmalen Linie zwischen schwarzer Komödie und geschmacklicher Entgleisung. Gewalt wird überzeichnet, Sexualität demonstrativ inszeniert, Dialoge sind oft vulgär. Der Film überdreht die Exzesse des Actionkinos so stark, dass sie absurd wirken.
Im Februar-Programm bei heimkino unter dem Thema „Poetry in High Speed“ fungiert „Crank“ als Endpunkt einer Entwicklung: Während andere Beiträge Geschwindigkeit kontrollieren oder choreografieren, lässt dieser Film sie vollständig entgleisen. Hier gibt es keinen Rhythmus mehr, der Orientierung bietet – nur noch Eskalation. Bilder überschlagen sich, Reize konkurrieren miteinander. Gerade dadurch erweitert der Film das Monatsmotto um eine entscheidende Perspektive – Poesie entsteht hier nicht aus Schönheit oder Präzision, sondern aus Exzess.
„Crank“ ist ein Rausch, eine Provokation, eine ästhetische Dauerbeschleunigung. Wer ihn als bloßen Krawall abtut, übersieht seine formale Konsequenz. Wer ihn unkritisch feiert, übersieht seine problematischen Exzesse. Aber ignorieren lässt sich dieser Film keinesfalls. Selten wurde Adrenalin so konsequent zur Erzählstruktur erhoben und selten war ein Actionfilm so sehr das, was er erzählt: Ein Herzschlag im Ausnahmezustand. Damit bildet „Crank“ den perfekten Abschluss zum heimkino-Monat „Poetry in High Speed“.