Teenage Sex and Death at Camp Miasma
Wir alle haben Filme, die uns in unserer Kindheit nachhaltig geprägt haben und während wir viele davon als Comfort-Filme immer wieder rewatchen, sind andere zu Guilty Pleasures geworden. Gerade weil sie uns etwas geben, das vermeintlich „schlechter Geschmack“ sein soll: Eskapismus, Begehren, Gewalt, Fantasie. Jane Schoenbrun interessiert sich in deren queeren Slasher „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ genau für diese besondere Beziehung zwischen Mensch und Film. Für die Möglichkeit, dass ein Film nicht einfach nur etwas ist, das wir ansehen, sondern ein Ort, in dem wir uns selbst erkennen, verlieren und schließlich neu erfinden können.
Nach Jahren liebloser Fortsetzungen und schwindender Fanbasis wird das Slasher-Franchise Camp Miasma der ambitionierten jungen Regisseurin Kris (Hannah Einbinder) zur Wiederbelebung überlassen. Als sie den einstigen Star der Originalfilme besucht, die mittlerweile zurückgezogen lebende Schauspielerin Billy (Gillian Anderson), die von Geheimnissen umgeben ist, geraten die beiden Frauen in eine blutgetränkte Welt voller Begehren, Angst und Wahnvorstellungen – bedroht vom speerschwingenden Kleinen Tod.
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Das fiktive Slasher-Franchise rund um das abgelegene Feriencamp wird im Film mit einer riesigen Detailtiefe konstruiert. Eine Montage aus VHS, Merchandise, Magazinen und gescheiterten Fortsetzungen eröffnet den Film und erfindet damit eine popkulturelle Vergangenheit, die sich anfühlt, als hätte die Camp Miasma-Reihe tatsächlich existiert. Das Franchise ist offensichtlich eine liebevolle Übersteigerung der großen Slasher-Reihen der 80er-Jahre, gleichzeitig aber auch eine ziemlich genaue Untersuchung dessen, was diese Filme für ihre Fans bedeuten können. Für Protagonistin Kris ist dieses Franchise ein Stück ihrer eigenen Biografie. Sie ist mit ihm aufgewachsen und hat seine Bilder, Figuren und Regeln verinnerlicht. Was für das Studio vor allem eine bekannte Marke ist, ist für Kris deshalb ein Teil ihrer eigenen Geschichte.
Je weiter „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ voranschreitet, desto stärker lösen sich die Grenzen zwischen Film, Erinnerung und Wahrnehmung auf. Szenen verschwimmen ineinander, Fantasie wird emotional real, Horror wird zu Begehren. Schoenbrun interessiert sich dafür, wie Realität von Imagination und Sehnsucht durchdrungen wird, wie dey es schon in vorherigen Werken tat. Während „I Saw the TV Glow“ noch vom Schmerz handelt, sich in einer medialen Welt und anderen Identität zu verlieren, geht es in „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ darum, sich diese mediale Welt anzueignen.
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Zentrales Element bleibt dabei der Körper. Der klassische Slasher ist ein Genre der Verletzungen, der Zerstückelungen, des Blicks auf den leidenden Körper. Schoenbrun verschiebt diesen Fokus: Der Körper wird von der Objektifizierung befreit und wird zum lebendigen Ort der Erfahrung. Lust und Angst liegen dabei nah beieinander. Fantasie bleibt eine neutrale Ressource. Dunkle oder gewaltsame Imaginationen werden nicht moralisch bewertet, sondern als kontrollierte Räume verstandenen, in denen sich Angst gefahrlos durchspielen lässt. Der Horror wird von einer reinen Bedrohung zu einem Rahmen, in dem der Körper sich selbst neu erfahren kann. Die Gewalt bleibt, aber ihre Bedeutung verschiebt sich, indem sich die Figuren durch sie ermächtigen: Sie gehört nicht mehr den Genre, sondern wird Teil einer subjektiven Aneignung.
Gerade darin liegt eine der spannendsten Umkehrungen des Films. Der Slasher hat traditionell ein äußerst ambivalentes Verhältnis zu Sexualität: Sex wird häufig mit Tod bestraft, der weibliche Körper wird zum Spektakel und die Kamera macht den Blick des Zuschauers zum Teil der Gewalt. Schoenbrun kennt diese Mechanismen sehr genau und dreht sie nicht einfach um, sondern fragt, was passiert, wenn man sie sich zurückholt. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, jede Fantasie als harmlos oder jede Form von Gewalt als automatisch emanzipatorisch zu verklären. Vielmehr interessiert Schoenbrun die Distanz zwischen einer Fantasie und ihrer tatsächlichen Bedeutung. Ein Gedanke, ein Bild oder eine sexuelle Vorstellung muss nicht automatisch einen Wunsch nach ihrer realen Umsetzung darstellen. Gerade weil Fantasie ein geschützter Raum sein kann, darf sie widersprüchlich, düster oder absurd sein.
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Dass diese Dynamik so gut funktioniert, liegt vor allem am tollen Zusammenspiel von Hannah Einbinder und Gillian Anderson. Einbinder spielt Kris zunächst als kontrollierte, leicht unbeholfene Filmemacherin, die ihre eigenen Gefühle lieber analysiert, als sie tatsächlich zuzulassen. Ihre Komik entsteht dabei nie auf Kosten der Figur. Hinter ihrer trockenen Art liegt eine enorme Verletzlichkeit, die im Verlauf des Films immer deutlicher zum Vorschein kommt. Gillian Anderson wiederum scheint als Billy geradezu aus einem anderen Film gefallen zu sein. Sie ist glamourös, unberechenbar, erotisch und zunehmend exzentrisch – eine ehemalige Genre-Ikone, die sich selbst längst in eine Figur verwandelt hat. Kris und Billy sind auf unterschiedliche Weise von ihrer Beziehung zum Kino geprägt, beide haben gelernt, ihre Wünsche durch Rollen und Bilder zu vermitteln und beide müssen sich schließlich fragen, wo die Figur aufhört und das eigene Ich beginnt.
„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist deshalb zugleich Liebeserklärung und Dekonstruktion des Slashers. Jane Schoenbrun nimmt die vertrauten Zutaten des Genres – Sex, Gewalt, Körper, Angst und Tod – und fragt, was aus ihnen entstehen kann, wenn man sie nicht länger durch den objektifizierenden Blick des Genres betrachtet, sondern durch die subjektive Erfahrung derjenigen, die sich in diesen Bildern wiederfinden. Heraus kommt ein eigenwilliger, wilder und überraschend zärtlicher Film über die Macht des Kinos. Einer, der zeigt, dass unsere Lieblingsfilme nicht nur Geschichten erzählen, sondern Teil unserer eigenen Geschichte werden können. Und dass es manchmal genau diese vermeintlichen Guilty Pleasures sind, in denen wir uns selbst am ehrlichsten begegnen.
„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ startet am 20. August 2026 in den deutschen Kinos.