Strange River

Das Erwachsenwerden ist ein seltsamer Prozess und viele Filme, die dieses Thema behandeln, erzählen von großen Erkenntnissen und angestrebten Zielen. Jaume Claret Muxarts Langfilmdebüt „Strange River“ verweigert sich genau dieser Bewegung. Sein Film erzählt nicht davon, wie ein junger Mensch genau herausfindet, wer er ist, sondern von den viel diffuseren Momenten davor – von einer Zeit, in der sich etwas grundlegend ändert, ohne dass man es bereits begreifen kann.

Sommerferien am Donauufer, eine katalanische Familie radelt den Fluss entlang. Während seine Eltern in Erinnerungen an ihre Jugend schwelgen und seine jüngeren Brüder seine Nähe suchen, ist der sechzehnjährige Dídac lieber allein und still. Sein Herz schmerzt einer unerwiderten Liebe nach. Doch plötzlich sieht er an jedem Stopp der Reise denselben rätselhaften Jungen, im Wasser und an Land, in der Ferne und ganz nah. Und jedes Mal zieht es Dídac etwas mehr in den Bann des Fremden hinein.

"Strange River" von Jaume Claret Muxart

© Salzgeber

Muxart macht früh deutlich, dass er nicht daran interessiert ist, das Rätsel um den mysteriösen Jungen vollständig zu erklären oder aufzulösen. Die Frage, ob der Junge tatsächlich existiert, ist letztendlich weniger wichtig als die Tatsache, dass Dídac ihn wahrnimmt. Er wird zur Projektionsfläche und verkörpert eine Form des Begehrens, die plötzlich in sein Leben tritt und seine bisherige Wahrnehmung verändert. Assoziationen sind entscheidend für die Erzählweise von „Strange River“. Muxart erzählt vorrangig über Blicke, Körper und Atmosphäre. Der Film macht Dídacs emotionale Zustände sichtbar, auch wenn er sie nicht ausspricht. Gerade diese Zurückhaltung macht die Darstellung von seiner Sexualität so interessant. Er darf seine Wünsche und Begehren nach und nach freilegen, ohne dass ein dramatischer Konflikt aus ihnen entsteht.

Damit unterscheidet sich „Strange River“ von vielen anderen Coming-of-Age-Geschichten, besonders im Bezug auf queere Thematiken. Für Dídacs Familie ist seine Sexualität etwas Selbstverständliches und seine Eltern begegnen ihm mit einer bemerkenswerten Offenheit und heilsamen Akzeptanz. Der Film braucht deshalb keinen äußeren Konflikt zwischen einem Jugendlichen und einer intoleranten Gesellschaft, um seine queere Geschichte zu erzählen. Der Konflikt findet im Inneren statt. Das macht den Film auf eine sehr stille Weise radikal: Queerness ist selbstverständlich und Teil einer universellen Erfahrung des Erwachsenwerdens – und dennoch darf sie aufregend, verunsichernd und manchmal schwer begreiflich sein.

"Strange River" von Jaume Claret Muxart

© Salzgeber

Der Fluss ist zentrales Bild des Films. Die Donau wird zum Spiegel innerer Zustände. Sie fließt, windet und verändert sich und bleibt dennoch stets derselbe Fluss. Das Wasser wird zu einem Ort des Übergangs, an dem Realität und Fantasie ineinander übergehen können. Je weiter die Reise voranschreitet, desto stärker löst sich „Strange River“ von einer klassischen Erzählstruktur und Muxart erlaubt sich, die Logik des Films immer stärker der Logik von Dídacs Empfinden unterzuordnen. Was tatsächlich passiert und was nur in seiner Vorstellung stattfindet, wird nebensächlich. Es geht um die Erfahrung selbst.

All dies wird auf 16mm-Film in wunderschönen sommerlich-nostalgischen Bildern eingefangen. Die warmen Farben, das natürliche Licht und die sichtbare Körnung des Materials lassen das Gesehene seltsam vertraut erscheinen. Die Kamera bleibt dabei ruhig und beobachtend und gibt den Figuren Raum, sich zu entfalten. Die weiten Aufnahmen der Donau und der sommerlichen Umgebung stehen dabei immer wieder neben den näheren Beobachtungen von Dídac und seiner Familie. So entsteht eine Bildsprache, die den ruhigen Rhythmus der Reise aufgreift und gleichzeitig Dídacs zunehmende Faszination für den fremden Jungen visuell einfängt.

„Strange River“ ist ein Film über das Dazwischen. Über einen Sommer, der irgendwann vorbei sein wird und über eine jugendliche Liebe, deren Bedeutung vielleicht gerade darin liegt, dass sie sich nicht festhalten lässt. Muxart findet dafür Bilder von großer Schönheit und eine Erzählform, die sich ebenso wenig festlegen lässt wie ihr Protagonist. Wie die Donau fließt der Film einfach weiter – manchmal ruhig, manchmal unberechenbar, immer auf etwas zu, das sich erst im Nachhinein als Veränderung erkennen lässt.

„Strange River“ startet am 27. August 2026 in den deutschen Kinos.

Filmposter "Strange River" von Jaume Claret Muxart
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