Nouvelle Vague
Quentin Tarantino hat diesen Film gleich zweimal im Kino geschaut… „Nouvelle Vague“ von Regisseur Richard Linklater ist eine cinephile Annäherung an einen historischen Moment, in dem sich das Kino grundlegend veränderte. Schon diese Anekdote passt perfekt zum Film selbst: Linklater richtet sich mit „Nouvelle Vague“ ganz bewusst an Menschen, die das Kino nicht nur konsumieren, sondern lieben, studieren und diskutieren. Der Film versteht sich weniger als Filmbiografie, sondern vielmehr als lebendiges Stimmungsbild einer Zeit, in der eine neue Generation begann, das Medium Film radikal neu zu denken.
„Nouvelle Vague“ spielt Ende der 1950er Jahre in Paris und erzählt die Entstehungsgeschichte des Filmklassikers „Außer Atem“. Im Mittelpunkt steht der junge Filmkritiker und angehende Regisseur Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck), der sein erstes eigenes Spielfilmprojekt realisiert. Er arbeitet mit einem kleinen Team, wenig Budget und bricht mit klassischen erzählerischen und inszenatorischen Regeln, wodurch er einen spontanen und experimentellen Stil entwickelt. Neben dem chaotischen und improvisierten Entstehungsprozess von Godards Debütfilm zeigt „Nouvelle Vague“ eine ganze Generation junger Filmemacher in Frankreich, die gemeinsam das Kino revolutionieren.
© Jean-Louis Fernandez
Die französische Nouvelle Vague (Neue Welle) der 1950er und 60er Jahre gilt als eine der revolutionärsten und einflussreichsten Bewegungen der Filmgeschichte. Insbesondere junge Filmkritiker griffen damals selbst zur Kamera. Sie drehten mit wenig Geld, viel Energie und einem klaren Ziel: das damalige Kino von seinen Konventionen zu befreien. Linklaters Film konzentriert sich auf genau diesen Kipppunkt, interessiert sich dabei jedoch weniger für eine lineare historische Rekonstruktion als für Atmosphäre.
Stilistisch versucht Linklater, den Geist dieser Bewegung selbst aufzugreifen. In schwarz-weiß gedreht arbeitet der Film mit natürlichem Licht, lockerer Kameraführung und dialoglastigen Szenen, die oft improvisiert wirken. Auf einen klassischen dramaturgischen Verlauf und Spannungsbögen legt der Regisseur wenig wert. Viele Szenen entfalten sich beiläufig, Gespräche beginnen mitten im Gedanken und enden abrupt, Figuren verschwinden wieder aus dem Bild – wer eine klassische Dramaturgie erwartet, könnte sich von Linklaters fragmentarischer und beobachtender Erzählweise irritiert fühlen.
© Jean-Louis Fernandez
„Nouvelle Vague“ setzt ein gewisses Interesse an Filmgeschichte voraus. Viele Anspielungen, Zitate und Charaktere erschließen sich vor allem jenen Zuschauerinnen und Zuschauern, die die Filme der Bewegung bereits kennen. Gleichzeitig liegt aber auch ein besonderer Charme darin, diesen Film vielleicht als Einstieg zu nutzen – als Einladung, anschließend selbst die Werke von Godard und seinen Weggefährten zu entdecken.
„Nouvelle Vague“ erweist sich ganz klar als leidenschaftliche Liebeserklärung an das Kino. Gerade diese cinephile Begeisterung prägt den gesamten Ton des Films. Wer das Kino der Nouvelle Vague liebt, wird auch diesen Film lieben. Wer zu ihr wenige Berührungspunkte hat und Godards „Außer Atem“ nicht gesehen hat, wird womöglich Schwierigkeiten haben, sich mit Linklaters Erzählung anzufreunden. Am Ende bleibt vor allem ein Gefühl: wie aufregend Kino sein kann, wenn es von Neugier, Leidenschaft und einer gewissen Portion Größenwahn angetrieben wird.
Im Podcast beim Tele-Stammtisch haben Chris und ich „Nouvelle Vague“ ausführlich diskutiert und unsere persönlichen Bezüge zu dieser Ära des Kinos besprochen. Hier geht es zur Podcast-Folge.
„Nouvelle Vague“ startet am 12. März 2026 in den deutschen Kinos.