Certified Copy
Zwei Menschen, ein Aufeinandertreffen, eine gemeinsame Geschichte – eine alltägliche Begegnung entwickelt sich zu etwas weitaus Größerem. Genau diese kleinen, aber bedeutsamen Momente sind es, denen sich heimkino im Januar zum Thema „A Breath in the Universe“ widmen möchte. Den Auftakt machte vergangenen Mittwoch „Certified Copy“ von Abbas Kiarostami. Ein elegantes Gedankenspiel, das sich als romantisches Drama tarnt, während es schleichend, aber konsequent grundlegende Fragen nach Identität, Nähe und Wahrhaftigkeit stellt.
Der britische Autor James Miller (William Shimell) hält in der Toskana einen Vortrag zu seinem Buch „Certified Copy“, in welchem er die These aufstellt, dass Kopien im Grunde den gleichen Wert haben wie Originale. Damit weckt er das Interesse der französischen Galeristin Elle (Juliette Binoche), welche ihn daraufhin auf eine Autofahrt in eine nahegelegene Stadt einlädt. Was als Begehung zweier Fremder beginnt, entwickelt sich zu einem Rollenspiel, in dem die Grenzen zwischen Realität und Projektion mehr und mehr verschwimmen.
© MK2 Diffusion
Was besonders auffällt, ist, dass sich ein Großteil des Films in Echtzeit entfaltet. Dies geschieht durch Interaktionen und Situationen, die intensiv ausgespielt werden: Orte werden erkundet, Gespräche schweifen aus, neue Themen tauchen scheinbar spontan auf, um später eine unerwartete Funktion im Gesamtkonzept einzunehmen. Dabei entstehen zwei erzählerische Ebenen: Im Vordergrund steht eine alltägliche soziale Situation und im Hintergrund ein theoretisches Konstrukt, das sich ausbreitet, ohne je vollständig ausgesprochen zu werden.
Das Fehlen einer festgelegten Realität und Wahrheit ist das poetische Kernprinzip des Films. Statt Klarheit zu schaffen, will Kiarostami die Dynamik zwischen zwei Menschen und ihren ganz persönlichen Wahrheiten erkunden. Auch durch die Bildgestaltung wird dieses erzählerische Konzept erneut verstärkt. Lange Einstellungen geben dem Publikum Zeit, Blicke und Gedanken zu entfalten. Die Kamera bleibt oft leicht distanziert und beobachtend, als wolle sie vermeiden, eine Deutung aufzuzwingen.
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„Certified Copy“ ist definitiv kein einfacher Unterhaltungsfilm. Stellenweise wirke die langen Dialoge in Kombination mit der reduzierten Inszenierung beinahe anstrengend. Der Film verweigert sich klassischen dramaturgischen Bögen und emotionalen Orientierungshilfen, was Geduld und aktive Aufmerksamkeit verlangt. Gerade in diesen Momenten der Überforderung oder Irritation wird deutlich, dass Kiarostami nicht unterhalten, sondern herausfordern möchte. Die Schwere der Dialoge spiegelt die innere Unruhe der Figuren wider und öffnet einen Raum für Reflexion, in dem sich eigene Erfahrungen, Zweifel und Erwartungen mit dem Gesehenen verschränken. Was während des Sehens distanziert oder sperrig wirkt, entfaltet beim anschließenden Nachdenken über den Film eine nachhaltige Wirkung.
Im Kontext des heimkino-Monatsthemas „A Breath in the Universe“ erhält die philosophische Ebene von „Certified Copy“ neuen Raum. Die Begegnung von James und Elle erscheint wie ein zufälliger Schnittpunkt zweier Lebenslinien – ein kurzer Atemzug im großen Gefüge der Zeit. Und doch liegt in diesem Moment eine enorme emotionale Dichte. Der Film macht spürbar, wie sehr menschliche Beziehungen von Zufällen, Missverständnissen und dem Wunsch nach Bedeutung geprägt sind. Ein einziges Gespräch an einem Nachmittag genügt, um Vergangenes neu zu schreiben und Zukünftiges neu zu träumen.
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Mit „Certified Copy“ hat es Abbas Kiarostami geschafft, eine philosophische Frage auf einen alltäglichen und zutiefst menschlichen Sachverhalt zu übertragen. Der Film schlägt vor, dass eine Reproduktion denselben emotionalen Wert haben kann wie ein Original und vielleicht sogar noch mehr, wenn sie uns etwas zeigt, das wir längst vergraben hatten. Liebe ist nicht statisch. Sie ist eine fortwährende Neuschöpfung, ein Nachinszenieren früherer Intensitäten – ein Versuch, dass Original zu bewahren oder es immer wieder aufs Neue zu rekonstruieren.
Noch mehr kosmische Zufälle und menschliche Begegnungen gibt es im restlichen Januar bei heimkino zum Thema „A Breath in the Universe“. Hier geht es zur Monatsübersicht.