The Chronology of Water
Vom Twilight-Star zur radikalen Autorenfilmerin: Kristen Stewart hat sich in den vergangenen Jahren konsequent von ihrem Mainstream-Image gelöst und immer wieder künstlerische Risiken gesucht. Mit „The Chronology of Water“ geht sie nun noch einen Schritt weiter – weg vom Spiel vor der Kamera, hinein in die Regie – und liefert ein Spielfilm-Debüt, dass sich keinen Konventionen unterwirft.
Basierend auf Lidia Yuknavitch’s Memoiren, erzählt der Film fragmentarisch deren Lebensgeschichte. Lidia (Imogen Poots) erfährt in ihrer Kindheit und Jugend Missbrauch durch ihren eigenen Vater. Halt und eine Ausflucht findet sie zunächst im Leistungsschwimmen, doch traumatische Erfahrungen, selbstzerstörerische Beziehungen und Sucht treiben sie als junge Frau immer tiefer in eine existenzielle Krise. Erst durch das Schreiben beginnt sie, ihre Erinnerungen zu ordnen und die eigene Geschichte zurückzuerobern.
© Les Films du Losange
„The Chronology of Water“ ist keinesfalls eine Biografie, sondern eher ein impressionistisches Werk aus Bildern, Tönen und Fragmenten. Die Erzählung wird zu einer Art Collage aus Gefühlen in der Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen und dabei absolut keiner Chronologie folgen. Diese innere Logik des Films spiegelt wider, wie PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) und dadurch beeinflusste und fragmentierte Erinnerungen tatsächlich erlebt werden – in überwältigenden, unkontrollierbar auftretenden Wellen.
Formal setzt der Film konsequent auf Brüche. Handkamera, extreme Nahaufnahmen, überbelichtete Bilder und abrupte Schnitte erzeugen eine nervöse, fast körperliche Unruhe. Auf 16mm-Film gedreht erhält das Bild eine körnige, raue Textur, wodurch der Film ein seltsames Gefühl von Nostalgie erzeugt. Voice-Over Passagen und eine oft überzeichnete Klangkulisse durchziehen den Film und werden dabei oft zur Belastungsprobe – was vermutlich als sinnliche Überwältigung gedacht ist, schlägt in Reizüberflutung um und erschwert die Zugänglichkeit.
© Les Films du Losange
Highlight des Films ist ohne Frage Imogen Poots als Lidia Yuknavitch. Ihre Performance ist roh, intensiv und körperlich. Sie spielt Lidia nicht als reine Leidensfigur, sondern als widersprüchliche, mitunter selbstzerstörerische Frau, die zwischen Trotz und Verzweiflung schwankt. Gerade in den Momenten, in denen der Film erzählerisch zerfasert, hält Poots die Erzählung mit ihrer Präsenz zusammen.
Stewart verweigert Spannungsbögen. Sie strebt nicht nach einer absolut verständlichen Geschichte, sondern nach der Essenz eines Gefühlszustands. Diese Form des Erzählers verlangt dem Publikum viel ab – Geduld und die Bereitschaft, sich treiben zu lassen, teilweise ohne irgendwo anzukommen. Das macht „The Chronology of Water“ schnell anstrengend und ermüdend. Der Film fordert und fordert und bietet kaum Erlösung. Es gibt keinen klaren Wendepunkt und kein befreiendes Aufatmen, was dem Thema geschuldet sein mag, aber dennoch zu einem dramaturgischen Vakuum führt, das sich über weite Strecken zäh anfühlt.
© Les Films du Losange
Kristen Stewarts Debüt hat interessante Ansätze, konnte mich emotional aber absolut nicht abholen. Stellenweise hat mich der Film sogar genervt, was schade ist, weil ich thematisch eigentlich großes Interesse an der Geschichte hatte. Die permanente Fragmentierung und die emotionale Überwältigungsstrategie führten bei mir weniger zu einem intensiven Miterleben als zu einer zunehmenden Distanz.
„The Chronology of Water“ ist ein Film, der Mut beweist – formal wie inhaltlich. Er ist ambitioniert, aber stolpert dabei oft über sich selbst. Seine kompromisslose Form ist zugleich Stärke und Schwäche: Was als radikale Subjektivität gedacht ist, kippt stellenweise in Überfrachtung und Distanz. Dennoch kann man Kristen Stewart ein bemerkenswertes Gespür für Atmosphäre und für weibliche Perspektiven nicht absprechen. „The Chronology of Water“ ist kein Film, der gefallen will. Für manche wird er eine intensive Erfahrung sein. Für mich bleibt er ein respektables, künstlerisch interessantes, aber emotional schwer zugängliches Debüt, das mehr bewundernswert als wirklich bewegend ist.
Im Podcast beim Tele-Stammtisch haben Tim, Lida und ich gemeinsam über „The Chronology of Water“ gesprochen. Hier geht es zur Podcast-Folge.
„The Chronology of Water“ startet am 5. März 2026 in den deutschen Kinos.