Sunny Dancer
Ein Film über krebskranke Jugendliche erweckt in meinem Kopf Bilder von Krankenhausfluren, Tränen und einer Geschichte, in der jeder unbeschwerte Moment zwangsläufig vom Wissen um den Tod überschattet wird. Regisseur George Jaques nimmt diesen Erwartungshorizont und macht beinahe das Gegenteil daraus: Sein „Sunny Dancer“ ist ein Film über Krebs, in dem Krebs erstaunlich selten im Mittelpunkt steht.
Partys, Freunde, große Freiheit – die Sommerferien eines typischen Teenagers. Aber nicht für die eigenbrötlerische Ivy (Bella Ramsey), die sich nach ihrer überstandenen Krebserkrankung lieber zurückzieht. Aus diesem Grund melden ihre überfürsorglichen Eltern die 17-Jährige für einen vierwöchigen Aufenthalt im Children Run Free Camp für krebskranke Jugendliche an. Überzeugt, dass ihr die schlimmste Zeit ihres Lebens bevorsteht, bezieht Ivy ihre Unterkunft im „Chemo-Camp“ und findet unerwartet Gleichgesinnte in einer Gruppe von Außenseiterinnen und Außenseitern, aus denen schnell ein Freundeskreis wird. Gemeinsam feiern sie das Leben und einen Sommer, den sie nie vergessen werden.
© SUNNY DANCER Distribution Limited
Besonders wirkungsvoll ist dabei der Coming-of-Age-Aspekt. Klassischerweise basieren solche Erzählungen auf der Vorstellung, dass das Leben vor einem liegt und die Figuren nur herausfinden müssen, was sie daraus machen wollen. „Sunny Dancer“ stellt diese Gewissheit in Frage, denn für Ivy und die anderen Jugendlichen ist die Zukunft nicht selbstverständlich. Was beudeutet Erwachsenwerden noch, wenn man nicht weiß, wie viel Zeit einem bleibt? Die Antwort des Films lautet: Vielleicht sollte man aufhören, auf den richtigen Moment zu warten. Das klingt zunächst nach einer bekannten „Carpe Diem“-Botschaft und tatsächlich bewegt sich „Sunny Dancer“ recht nah an dieser Art von Lebensweisheit. Doch die besten Szenen gehen darüber hinaus. Denn es geht nicht darum, jeden Moment maximal auszukosten, sondern überhaupt das Recht auf ein normales Leben einzufordern.
Das funktioniert vor allem deshalb, weil Jaques seine Figuren nicht auf ihre Krankheitsgeschichten reduziert. Im Camp wird über Medikamente und Behandlungen gesprochen, aber genauso über Sex, Beziehungen, Musik und Partys. Die Jugendlichen müssen nicht permanent tapfer oder inspirierend sein. Dadurch bekommt der Film eine angenehme Normalität, die bei Geschichten über schwere Krankheiten keineswegs selbstverständlich ist. Gleichzeitig steckt darin eine subtile Kritik an der Art, wie Außenstehende mit kranken Menschen umgehen: Die gut gemeinte Fürsorge der Eltern kann ebenso einengend sein wie die Vorstellung, jemand müsse aus seiner Erkrankung eine besondere Lebensweisheit gewinnen. Ivy möchte nicht lernen, „das Leben zu schätzen“. Sie möchte einfach leben.
© SUNNY DANCER Distribution Limited
Ein großer Teil dieser Normalität entsteht durch den Humor. Die Jugendlichen machen Witze über ihre Erkrankungen, über ihre Körper und über die Absurditäten ihres Camp-Alltags. Der Humor funktioniert dabei nicht nur als Kontrast zum ernsten Thema, sondern als Überlebensstrategie. Manche Konflikte werden durch Humor allerdings schneller entschärft, als es die emotionale Tragweite eigentlich erlauben würde. Denn der Film hat offensichtlich Angst davor, zu lange im Schmerz zu verweilen. „Sunny Dancer“ möchte seine Figuren nicht leiden sehen und das ist sympathisch, nimmt einigen Momenten aber auch ihre Wucht.
Am stärksten ist „Sunny Dancer“ immer dann, wenn seine sonnige Oberfläche Risse bekommt. Denn der Film weiß sehr genau, dass man eine Krebserkrankung nicht einfach wegtanzen kann. Das Wissen um einen möglichen Rückfall bleibt bestehen. Gerade wenn der Film diese Gedanken zulässt, bekommt seine vorherige Leichtigkeit eine neue Bedeutung. Dann wird auch klar, dass seine optimistische Haltung nicht bedeutet, die Krankheit kleinzureden. Vielmehr versucht „Sunny Dancer“, die Krankheit aus dem Zentrum zu rücken, ohne ihre Existenz zu verleugnen. Er lässt seine Figuren lachen, feiern, flirten und Fehler machen, ohne dabei zu vergessen, was auf dem Spiel steht. Das macht den Film nicht zu einer Geschichte darüber, wie man dem Tod entkommt, sondern zu einer darüber, wie man sich von ihm nicht das gesamte Leben diktieren lässt.
„Sunny Dancer“ startet am 13. August 2026 in den deutschen Kinos.