Everytime

Die Sonne geht unter. Ein junges Mädchen stirbt. Und trotzdem wird es morgen wieder hell. Sandra Wollners „Everytime“ erzählt von Trauer und vor allem davon, wie schrecklich es sein kann, dass die Welt sich von ihr nicht beeindrucken lässt. Während für die Hinterbliebenen die Zeit stillzustehen scheint, läuft sie für alle anderen unbeirrt weiter. Genau diesen Widerspruch macht Wollner zum emotionalen Zentrum ihres Films. Wie verändert sich der Blick auf die Welt, wenn ein geliebter Mensch plötzlich fehlt? Was passiert mit Erinnerungen, mit gemeinsamen Zukunftsplänen oder mit Orten, die untrennbar mit einer Person verbunden sind?

Als die Teenagerin Jessie (Carla Hüttermann) stirbt, bleibt für ihre Mutter Ella (Birgit Minichmayr), ihre kleine Schwester Melli (Lotte Keilig) und ihren Freund Lux (Tristán López) eine Leerstelle zurück, die sich nicht schließen lässt. Jessie ist nicht mehr da und gleichzeitig überall. Während die Welt unbeirrt weiterläuft, kämpfen die Angehörigen auf ganz unterschiedliche Weise mit Schuld, Verlust und der Unmöglichkeit, Abschied zu nehmen. Unerwartet führt sie ein gemeinsamer Aufenthalt auf Teneriffa zusammen, wo Erinnerungen, ungelebte Zukunft und Gegenwart zunehmend ineinander übergehen.

Birgit Minichmayr, Lotte Keilig und Tristán López als Ella, Melli und Lux in "Everytime" von Sandra Wollner

©2026 eksystent Filmverleih

Was zunächst als realistisches Familiendrama beginnt, entwickelt sich langsam zu etwas Unwirklichem. Gegenwart und Vergangenheit beginnen, ineinanderzufließen, Erinnerung und Wirklichkeit werden zunehmend schwer unterscheidbar. Wollner kündigt diesen Wechsel nicht groß an. Sie setzt keinen klaren Punkt, an dem plötzlich eine andere Realität beginnt. Diese Verschiebung findet anfangs subtil und doch sehr eindringlich statt: Kleine Irritationen tauchen auf, Situationen bekommen eine andere Bedeutung und irgendwann weiß man nicht mehr genau, ob man gerade etwas erlebt, erinnert oder nur einbildet.

„Everytime“ ist ein Film der Zwischenzustände. Zwischen Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Erinnerung. Der Film ist durchaus fordernd. Wollner erklärt wenig und vertraut darauf, dass man sich auf seine Zwischenräume einlässt. Wer eine klare Geschichte mit einer klaren Auflösung erwartet, dürfte sich daran stoßen. Aber genau diese Verweigerung einer eindeutigen Erklärung ist letztlich so konsequent. Trauer ist schließlich kein Zustand, der sich logisch ordnen oder vollständig verstehen lässt. Sie verläuft selten geradlinig, kennt keine eindeutigen Antworten und widersetzt sich jeder klassischen Dramaturgie. „Everytime“ verlangt deshalb Geduld und Offenheit, belohnt diese aber mit einer emotionalen Ehrlichkeit, die lange nachwirkt.

Birgit Minichmayr als Ella in "Everytime" von Sandra Wollner

©2026 eksystent Filmverleih

Einen entscheidenden Anteil an dieser Wirkung hat Kameramann Gregory Oke, der bereits mit Charlotte Wells „Aftersun“ bewiesen hat, wie feinfühlig sich Erinnerungen und Emotionen über Bilder erzählen lassen. Auch in „Everytime“ arbeitet seine Kamera mit natürlichem Licht, ruhigen Einstellungen und einer großen Nähe zu den Figuren. Gesichter werden aufmerksam beobachtet, während die Umgebung häufig unscharf oder entrückt erscheint. Die Schönheit der Umgebung spendet keinen Trost. Im Gegenteil – sie unterstreicht, dass die Natur und die Welt gleichgültig bleiben, selbst wenn für einzelne Menschen alles auseinanderbricht. Gerade diese Diskrepanz zwischen warmer, lichtdurchfluteter Bildgestaltung und tiefer emotionaler Erschütterung verleiht dem Film seine besondere Kraft.

Auch schauspielerisch überzeugt „Everytime“ auf ganzer Linie. Birgit Minichmayr trägt den Film mit einer beeindruckend zurückgenommenen Performance. Ihre Ella trägt ihre Trauer nicht nach außen, sondern wirkt wie ein Mensch, der versucht, trotz einer innerlich zerbrochenen Welt den Alltag irgendwie aufrechtzuerhalten. Carla Hüttermann verleiht Jessie trotz ihrer vergleichsweise kurzen Präsenz eine bemerkenswerte Lebendigkeit, wodurch ihr Fehlen den gesamten Film überschattet. Tristán López und Lotte Keilig verkörpern wiederum zwei völlig unterschiedliche Arten, mit Verlust umzugehen – zwischen Schuld, Sprachlosigkeit und der verzweifelten Hoffnung, irgendwann wieder einen Weg ins Leben zu finden. Dass keine dieser Figuren jemals in Klischees verfällt, ist eine der größten Leistungen des Films.

"Everytime" von Sandra Wollner

©2026 eksystent Filmverleih

Sandra Wollner ist mit „Everytime“ ein außergewöhnlicher Film gelungen, der Trauer nicht erklärt, sondern erfahrbar macht. Statt Trost oder Katharsis zu versprechen, akzeptiert er die Widersprüche des Verlusts und findet dafür Bilder von beeindruckender Sensibilität. Es ist ein Film über das Weiterleben, obwohl man es eigentlich nicht kann und darüber, dass Erinnerungen manchmal realer erscheinen als die Gegenwart selbst. Gerade weil „Everytime“ sich jeder einfachen Interpretation verweigert, entfaltet er eine seltene emotionale Kraft und ist zweifellos eine große Bereicherung für die deutsche Kinolandschaft.

„Everytime“ startet am 06. August 2026 in den deutschen Kinos.

Filmposter "Everytime" von Sandra Wollner
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H wie Habicht