Rose
Vom Blockbuster zum Indie-Film: Trotz ihren großen internationalen Projekten ist Sandra Hüller längst nicht aus der deutschen Filmlandschaft verschwunden. In Markus Schleinzers drittem Spielfilm „Rose“ verkörpert sie die Titelgebende Hauptrolle und beweist einmal mehr, wie facettenreich sie ist. Statt großer Gesten und glamouröser Kulissen setzt der Film auf Reduktion, innere Spannung und die Kraft einer Figur, die sich ihren Platz in einer feindseligen Welt erkämpfen muss.
In den Wirren des 30-jährigen Krieges erscheint ein mysteriöser Soldat (Sandra Hüller) in einem abgeschiedenen protestantischen Dorf. Schweigsam, schmal, das Gesicht durch eine Narbe entstellt. Der Fremde behauptet, Erbe eines seit langem verlassenen Gutshofs zu sein und kann ein Dokument vorlegen, das seinen Anspruch bestätigt. Zum großen Missfallen der Dorfgemeinde. Allerdings setzt der Fremde alles daran, hier sein Glück zu finden. Sein Streben nach Anerkennung und Akzeptanz werden aber durch sein Geheimnis erschwert: Er ist eigentlich eine Frau namens Rose, die in einer Welt aus Krieg, Aberglauben und patriarchaler Gewalt um die Macht über ihr eigenes Leben kämpft.
© 2026_Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz
In Schwarz-Weiß gefilmt, entwickelt der Film eine klare und starke Bildsprache. Die Ästhetik ist geprägt von reduzierten Sets, außergewöhnlichen Kostümen und dem Spiel mit Licht und Schatten. Die Kamera beobachtet mit derselben Distanz, mit der auch die Dorfbewohner Rose mustern: neugierig, misstrauisch und etwas feindselig. Auch das Sounddesign trägt viel zur Intensität bei. Knarrende Holzböden, Wind oder das angespannte Schweigen bei gemeinsamen Mahlzeiten erzeugen eine permanente Unruhe. Es entsteht ein Film, der weniger über Dialoge als über Räume und Geräusche vermittelt.
Sandra Hüller glänzt durch ihr authentische Spiel. Minimale Verschiebungen in Haltung und Blick erzielen große Wirkung und vermitteln all das, was die Dialoge unausgesprochen lassen. Sie spielt Rose als komplexen Menschen voller Wünsche und Widersprüche: vorsichtig und entschlossen, erschöpft und kämpferisch, verletzlich und zugleich von enormer innerer Stärke getragen. Besonders beeindruckend ist, wie Hüller körperlich arbeitet. Ihr Gang, ihre Haltung, die kontrollierte Stimme – als das wirkt organisch. Nie hat man das Gefühl, einer Schauspielerin bei einer Performance zuzusehen, vielmehr scheint Rose als Figur vollständig in ihrem Körper und ihrer eigenen Rolle angekommen zu sein.
© 2026_Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz
Dem Film gelingt es auf beeindruckende Art und Weise, aktuelle Debatten um Geschlecht und gesellschaftliche Unterdrückung in einem historischen Kontext zu diskutieren, ohne dass sie dabei etwas von ihrer Dringlichkeit verlieren. Er wirkt nie didaktisch oder bemüht modernisiert, sondern lässt die Parallelen ganz selbstverständlich aus der Geschichte heraus entstehen und legt mit erschreckender Nüchternheit offen, dass patriarchale Strukturen damals wie heute aus ähnlichen Dynamiken schöpfen und eben kein reines Problem der Vergangenheit oder ein wokes Phänomen der Gegenwart sind. Sie sind Realität. Gerade deshalb fühlt sich „Rose“ nie wie ein musealer Historienfilm an, sondern wie ein Werk, das direkt in die Gegenwart spricht. Der Film erinnert daran, dass Machtverhältnisse nicht verschwinden, nur weil sich ihre Sprache verändert hat.
„Rose“ ist deutsches Arthaus-Kino der Extraklasse. Markus Schleinzers Werk ist atmosphärisch dicht, visuell eindrucksvoll und thematisch erschreckend aktuell. Denn obwohl die Handlung im 17. Jahrhundert spielt, erzählt „Rose“ von Fragen, die bis heute nachhallen: Wer darf sein, wer er ist? Wer entscheidet über Zugehörigkeit? Und wie brutal reagiert eine Gesellschaft auf Menschen, die ihre Regeln infrage stellen?
Im Podcast beim Tele-Stammtisch haben Stu und ich „Rose“ noch ausführlicher besprochen und analysiert und natürlich musste ich auch ein wenig über Sandra Hüller fangirlen. Hier geht es zur Podcast-Folge.
„Rose“ startet am 30. April 2026 in den deutschen Kinos.