Rosebush Pruning

Mit „Rosebush Pruning“ bringt der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz ein hypnotisch-verstörendes Werk über familiäre Abhängigkeiten, emotionale Verwahrlosung und die fragile Konstruktion von Identität innerhalb privilegierter Räume auf die Leinwand. Dabei entwickelt der Film eine eigentümliche Sogwirkung: kühl beobachtend, ästhetisch streng und von einer unterschwelligen Grausamkeit durchzogen, die sich langsam, aber unaufhaltsam entfaltet.

Unter der katalanischen Sonne lebt eine wohlhabende US-amerikanische Familie in hedonistischer Isolation und sucht Bestätigung im Miteinander, in Designerkleidung und Popmusik. Die Mutter ist tot, der Vater erblindet und als der älteste Sohn Jack (Jamie Bell) sich in die unabhängige Martha (Elle Fanning) verliebt und den Familienwohnsitz verlassen will, kommen Spannungen zum Vorschein und Blutsbande drohen zu zerreißen.

Film Still "Rosebush Pruning" von Karim Aïnouz

© MUBI

Das Drehbuch stammt von Efthimis Filippou, der in der Vergangenheit oft mit Yorgos Lanthimos zusammenarbeitete und unter anderem an den Drehbüchern von „The Lobster“ und „Killing of a Sacred Deer“ mitschrieb. Mit diesen Arbeiten hat er die moderne Absurdität des europäischen Autorenkinos maßgeblich geprägt und seine erzählerische Handschrift ist auch bei „Rosebush Pruning“ unverkennbar. Filippous Dialoge sind bewusst künstlich, fast mechanisch und erzeugen eine beklemmende Distanz zwischen Figuren und Publikum. Gesprochen wird viel, gesagt wird wenig und gerade in den Leerstellen entfaltet sich das eigentliche Drama.

Visuell überzeugt „Rosebush Pruning“ mit einer radikalen Bildsprache und überwältigend intensiven Farben. Aïnouz arbeitet mit symmetrischen Kompositionen, langen statischen Einstellungen und plötzlichen Kamerabewegungen, die das Gefühl permanenter Instabilität erzeugen. Dabei gelingt es dem Film, eine Atmosphäre zu schaffen, in der selbst harmlose Gesten eine latente Bedrohung in sich tragen. Schönheit wird als Tarnung des Grauens inszeniert. Alles wirkt gleichzeitig lebendig und verdorben, als würde die Welt des Films langsam unter ihrer eigenen Oberfläche verfaulen.

Pamela Anderson in "Rosebush Pruning" von Karim Aïnouz

© MUBI

Aïnouz sieht davon ab, seine Figuren psychologisch zu erklären und genau deshalb fühlen sich viele Stellen des Films an, wie ein Schlag in die Magengrube. Ihr toxisches, gewalttätiges und missbräuchliches Handeln hinterlässt die ständige Frage nach dem „Warum?“, auf die der Film keine Antwort gibt. Besonders Tracy Letts als Vater und Familienoberhaupt erzeugt mit seiner präzisen Performance eine starke Beunruhigung. Seine Blindheit wird nicht als Schwäche inszeniert, sondern als eine andere Form der Wahrnehmung, die ihm erlaubt, die Dynamiken innerhalb der Familie auf manipulative Weise zu steuern. Die Familienmitglieder und ihre Beziehungen sind Ausdruck eines Systems, das emotionale Abhängigkeit mit Liebe verwechselt und Kontrolle als Fürsorge tarnt.

Zwischen stilisierter Kälte und eruptiver Gewalt entfaltet sich mit „Rosebush Pruning“ ein Werk, das lange nachwirkt und zur Auseinandersetzung zwingt. Die Erzählweise das Films fasziniert und macht an vielen Stellen wirklich Spaß. Gerade in seiner spielerischen Lust an Irritation und Erwartungsbruch entwickelt der Film eine Dynamik, die an die Leinwand fesselt. Letztendlich bleibt das Filmerlebnis verstörend offen: Es entlässt sein Publikum ohne Auflösung, aber mit einem Gefühl anhaltender Irritation, die sich nach dem Abspann nicht so leicht abschütteln lässt.

„Rosebush Pruning“ startet am 23. April 2026 in den deutschen Kinos.

Filmplakat "Rosebush Pruning"  Karim Aïnouz, Elle Fanning, Pamela Anderson, Jamie Bell, Tracy Letts, Callum Turner
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Arco