No Other Choice

Es beginnt mit einer Kündigung und endet mit dem vollständigen Verlust von Menschlichkeit. In seinem neuen Film „No Other Choice“ erzählt Regisseur Park Chan-wook die Geschichte eines Mannes, der alles gegeben hat und dennoch alles verliert. Der südkoreanische Arbeitsmarkt wird zu einer Bühne, auf der Moral keinen Platz mehr hat: Wer nicht mehr gebraucht wird, verschwindet aus den Statistiken und oft auch aus dem sozialen Blickfeld.

Yoo Man-su (Lee Byung-hun) hat Jahrzehnte seines Lebens einem Papierunternehmen gewidmet. Als er plötzlich entlassen wird, verliert er nicht nur seinen geliebten Job, sondern das Fundament seiner Existenz und der Existenz seiner Familie. Als er nach langer und verzweifelter Suche keine neue Arbeit in der Papierbranche findet, weil menschliche Mitarbeiter immer häufiger durch Maschinen und KI ersetzt werden, entwickelt er einen radikalen Plan: Um im erbarmungslosen Arbeitsmarkt konkurrenzfähig zu sein, muss er seine Konkurrenten aus dem Weg räumen.

Lee Byung-hun als Yoo Man-su in "No Other Choice" Park Chan-wook

© CJ ENM

Die Visuelle Gestaltung und Inszenierung des Films überzeugen auf voller Linie. Statische Bildkompositionen, symmetrische Einstellungen und eine kühle, gedeckte Farbpalette prägen die Ästhetik. Büros und Flure wirken austauschbar und anonym und spiegeln die triste Realität des Arbeitsmarktes wieder. Die Kamera bleibt oft distanziert und beobachtet das Geschehen besonders in schockierenden Momenten mit einer befremdlichen Nüchternheit. Momente der Gewalt sind sauber choreografiert und beinahe steril – ein ästhetischer Widerspruch, der die moralische Leere des Geschehens unterstreicht.

Was „No Other Choice“ besonders bemerkenswert macht, ist seine Tonalität. Der Film jongliert zwischen absurder, teils slapstickhafter Komik und tief-schmerzlichem Drama. Gags gefolgt von präzisen und überraschenden Schnitten lassen einem das Lachen im Halse stecken bleiben. Statt zur Erleichterung, wird Humor zur Waffe: Er Entlarvt die Absurdiität einer so extremen Leistungsgesellschaft und verstärkt zugleich die Tragik der Situation.

Lee Byung-hun und Son Ye-jin als Yoo Man-su und Lee Mi-ri in "No Other Choice" Park Chan-wook

© CJ ENM

Auch wenn es ein sehr offensichtlicher ist, muss dieser Vergleich gezogen werden: Wie Bong Joon-hos „Parasite“ zuvor dekonstruiert Park unser Verhältnis zu Arbeit und Wert, wobei der Kapitalismus nicht nur kritisiert, sondern als Krankheit gezeigt wird, die Menschen dazu zwingt, ihre Menschlichkeit zu verraten. Der Titel des Films ist dabei Programm: Eine Wahl existiert nur theoretisch, praktisch bleibt sie eine Illusion. Diese Perspektive macht „No Other Choice“ so verstörend. Der Film zwingt sein Publikum, sich mit einem Protagonisten zu identifizieren, dessen Handlungen objektiv nicht zu rechtfertigen sind und subjektiv dennoch nachvollziehbar bleiben.

Park nutzt Wiederholungen, kleine Rituale und banale Abläufe, um zu zeigen, wie Gewalt sich in den Alltag einschleicht. Die Eskalation geschieht nicht plötzlich, sondern schrittweise, beinahe bürokratisch. Genau das macht sie so erschreckend plausibel. Jede Tat wirkt wie ein weiterer Punkt auf einer To-do-Liste, jede moralische Grenze wie eine Formalität, die man aus Effizienzgründen übergeht. Gewalt wird nicht emotionalisiert, sondern funktionalisiert – als notwendiges Mittel innerhalb eines Systems, das selbst vollkommen kaltblütig agiert.

Son Ye-jin als Lee Mi-ri in "No Other Choice" Park Chan-wook

© CJ ENM

„No Other Choice“ ist gerade deshalb so erschreckend, weil selbst seine dunkelsten Momente auf eine seltsame Weise nachvollziehbar sind. Der Film verurteilt seinen Protagonisten nicht, er entschuldigt ihn aber ebenso wenig. Stattdessen konfrontiert er das Publikum mit der unbequemen Frage, wie stabil die eigene Moral wäre, wenn alle sozialen Sicherheiten wegbrächen. Park Chan-wook liefert keine emotionale Erlösung, sondern ein bitteres, pessimistisches Fazit: In einem System, das Menschen ausschließlich über Leistung definiert, ist der Verlust von Menschlichkeit kein Ausrutscher, sondern eine strukturelle Konsequenz.

Im Podcast beim Tele-Stammtisch haben Melanie Kali, Stu und ich ebenfalls über „No Other Choice gesprochen. Zur Podcast-Episode hier klicken.

„No Other Choice“ startet am 5. Februar in den deutschen Kinos.

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