Die Odyssee

Christopher Nolan ist einer dieser Regisseure, bei denen jeder neue Film automatisch zum Kinoereignis wird. Kaum ein anderer seiner Filme polarisierte bereits Wochen vor Veröffentlichung so stark wie „Die Odyssee“: Während Fans schon anhand des Trailers ein Meisterwerk prophezeiten, wurden Entscheidungen rund um Casting und Inszenierung auf Basis minimaler Informationen zu Tode analysiert und kritisiert. Auf Social Media kam man kaum an diesen Debatten vorbei und daher war es schwer, unvoreingenommen in diesen Film zu gehen.

Inhaltlich erzählt Nolan Homers weltberühmtes Epos nicht als stringente Abenteurreise nach, sondern zerlegt die Geschichte in verschiedene Zeitebenen und Perspektiven. Im Mittelpunkt steht Odysseus, der nach dem Ende des Trojanischen Krieges versucht, nach Ithaka zurückzukehren, während seine Frau Penelope und sein Sohn Telemachos über Jahre hinweg mit seiner Abwesenheit leben müssen. Dabei zeigt sich einmal mehr Nolans Stärke, große philosophische Fragestellungen in Blockbuster-Kino zu übersetzen. Wie viel von einem Menschen bleibt nach Jahren des Krieges übrig und kann man jemals wirklich nach Hause zurückkehren, wenn man selbst nicht mehr dieselbe Person ist?

THE ODYSSEY, written, produced, and directed by Christopher Nolan.

© Universal Studios. All Rights Reserved.

Die Bildgewalt von „Die Odyssee“ ist schlichtweg überwältigend. Von den ersten Minuten an macht Nolan deutlich, dass dieser Film für die größtmögliche Leinwand geschaffen wurde. Gewaltige Küstenlandschaften, tosende Stürme und monumentale Kulissen entfalten eine visuelle Wucht. Nolan gelingt es, den mythologischen Charakter der Vorlage einzufangen, ohne dabei jemals in bloße Fantasieästhetik abzudriften. Stattdessen fühlt sich die Welt von „Die Odyssee“ erstaunlich greifbar und real an.

Christopher Nolan ist bekannt dafür, CGI nur sehr zurückhaltend einzusetzen. Umso spannender war die Frage, wie er Kreaturen wie den Zyklopen oder die Seeungeheuer inszenieren würde. Für den Zyklopen wurde eine fast 20 Meter große mechanische Puppe hergestellt, die im Nachhinein natürlich mit VFX und CGI überarbeitet wurde, aber dennoch zum großen Teil auf praktischen Effekten basiert. Gerade dieser Ansatz zahlt sich im fertigen Film enorm aus. Der Zyklop und auch die anderen Kreaturen besitzen eine physische Präsenz, die man bei rein digital erschaffenen Kreaturen häufig vermisst. Noch beeindruckender ist, wie nahtlos die praktischen und digitalen Effekte miteinander verschmelzen. Nolan nutzt CGI nicht als Ersatz für Realität, sondern als Erweiterung derselben. Das Ergebnis ist eine Welt, die selbst in ihren fantastischsten Momenten nie künstlich erscheint.

Matt Damon is Odysseus in THE ODYSSEY, written, produced, and directed by Christopher Nolan.

© Universal Studios. All Rights Reserved.

Trotz der tollen Bilder und überzeugenden Weltgestaltung bleibt für mich während der gesamten Erzählung eine gewisse emotionale Distanz bestehen. Der Film besitzt durchaus Szenen, die berühren, doch trotzdem ist es mir schwer gefallen, eine persönliche Bindung zu Odysseus, seiner Reise und den restlichen Figuren zu entwickeln. Nolans Inszenierung ist extrem kontrolliert und gerade dadurch verkommen die Figuren für mich teilweise zu reinen Werkzeugen für die Ideen und Gedanken der Handlung, als dass sie wie eigenständige und lebendige Menschen wirken. Genau hier offenbart sich für mich die größte Schwäche des Films. Nolan ist ein außergewöhnlicher Geschichtenerzähler, doch seine Faszination für Konzepte und Strukturen steht ihm gelegentlich im Weg. Immer wieder hatte ich das Gefühl, den Figuren eher beim Verkörpern großer Themen zuzusehen, als sie tatsächlich kennenzulernen.

Besonders deutlich wird dieser Umstand bei der Figur des Odysseus. Matt Damon liefert eine technisch überzeugende Leistung ab. Er spielt die Rolle mit der nötigen Autorität und Ernsthaftigkeit, doch bleibt er mehr Mythos als Mensch. Das ist keineswegs als Kritik an Damon selbst zu verstehen. Vielmehr scheint Nolan daran interessiert zu sein, Odysseus als eine Figur darzustellen, die längst von ihrer eigenen Legende eingeholt wurde. Sein Odysseus wirkt müde, gezeichnet und fast schon entfremdet von der Welt, in die er zurückkehren möchte. Gleichzeitig entsteht dadurch eine Distanz, die verhindert, dass seine emotionalen Konflikte ihre volle Wirkung entfalten können.

L to R: Anne Hathaway is Penelope and Tom Holland is Telemachus in THE ODYSSEY, written, produced, and directed by Christopher Nolan.

© Universal Studios. All Rights Reserved.

Eine große Überraschung von „Die Odyssee“ ist hingegen Tom Holland als Telemachos. Im Vorfeld wurde seine Besetzung skeptisch betrachtet, doch Holland liefert möglicherweise die stärkste und vor allem emotional zugänglichste Performance des gesamten Films ab. Sein Telemachos ist ein junger Mann, der sein gesamtes Leben im Schatten einer Legende verbracht hat. Er kennt seinen Vater nur aus Erzählungen und muss sich die Frage stellen, ob der Mensch hinter dem Mythos seinen Erwartungen überhaupt gerecht werden kann. Gerade diese innere Zerrissenheit bringt Holland bemerkenswert glaubwürdig auf die Leinwand.

Nach „Die Odyssee“ verlässt man das Kino mit dem Gefühl, etwas Großes gesehen zu haben. Und das hat man auch – denn der Film bricht Maßstäbe auf vielen Ebenen und besonders Nolan-Fans sollten ihre Erwartungen erfüllt bekommen. Er vereint all das, was Christopher Nolan als Filmemacher ausmacht: technische Brillanz, erzählerischen Ehrgeiz und die Bereitschaft, seinem Publikum etwas abzuverlangen. Ob man den Film letztlich als Meisterwerk oder als „nur“ sehr gutes Kino empfindet, wird vermutlich stark davon abhängen, was man sich von einer Verfilmung der „Odyssee“ erhofft.

„Die Odyssee“ startet am 16. Juli 2026 in den deutschen Kinos.

Filmposter "Die Odyssee" Christopher Nolan
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