Digger
Manchmal reichen schon ein paar Bilder, um große Vorfreude auf einen Film zu erzeugen – so ging es mir mit „Digger“. Alejandro G. Iñárritus neuer Film sah schon in den Teasern nach einem völlig absurden, überdrehten und zweifelsfrei spaßigen Kinoerlebnis aus. Ein grotesker Weltuntergangsfilm mit Tom Cruise als exzentrischen Öl-Milliardär und Sandra Hüller an seiner Seite? Und dazu ein Regisseur, der ohnehin selten Interesse daran hat, sich an konventionelle Erzählformen zu halten? Das klang nach einer Kombination, die für mich eigentlich kaum schief gehen konnte.
Digger Rockwell (Tom Cruise) ist ein milliardenschwerer Öl-Tycoon, dessen rücksichtslose Geschäftspraktiken eine globale Bedrohung ausgelöst haben. Durch Bohrungen in Grönland kommt es zu einer Umweltkatastrophe, die einen gigantischen Eisberg in Bewegung setzt, der auf die europäische Küste zusteuert und droht, sie in weiten Teilen zu vernichten. Ausgerechnet Digger soll nun dabei helfen, die bevorstehende Katastrophe abzuwenden und sieht darin natürlich vor allem die Chance, sich selbst als Retter der Menschheit zu inszenieren.
© 2026 Warner Bros. Entertainment Inc. Alle Rechte vorbehalten.
Das ist ein wunderbar groteskes und erschreckend aktuell wirkendes Ausgangsszenario. Ein reicher Mann zerstört die Welt und möchte anschließend als derjenige gefeiert werden, der sie rettet. Digger Rockwell ist dabei so maßlos in seiner Selbstüberschätzung, dass er die überzeichnete Tonalität des Films von Beginn an vorgibt. Tom Cruise spielt ihn mit prosthetischem Make-up und einer überzogenen Körperlichkeit, die den Schauspieler kaum wiedererkennbar machen. Der Film macht aus ihm eine Figur zwischen Karikatur und menschlicher Vollkatastrophe.
Und dann ist da Sandra Hüller. Als Diggers Halbschwester Emma bekommt sie weniger Raum, als man sich angesichts ihrer Besetzung wünschen würde. Ihre Figur und die Dialoge, die ihr zur Verfügung stehen, wirken teilweise so hölzern, dass Hüller nur begrenzt die Möglichkeit bekommt, wirklich etwas daraus zu machen. Trotzdem hat sie einige starke Momente. Gerade dann, wenn sie weniger erklären muss, funktioniert ihre Präsenz deutlich besser. Hüller besitzt diese besondere Fähigkeit, selbst vollkommen bizarre Situationen mit einer gewissen Erdung zu versehen. Umso bedauerlicher ist, wie selten der Film ihr die Möglichkeit gibt, diese Qualität auszuspielen.
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Optisch löst „Digger“ die Versprechen der Teaser ein und übertrifft sie sogar. Der Film ist in seiner Machart spektakulär und eigensinnig. Iñárritu baut eine künstlich-groteske Welt, in der sich Realität, Inszenierung und Übertreibung zunehmend vermischen. Die Kamera bleibt dabei ständig in Bewegung und findet immer wieder ungewöhnliche Perspektiven, während riesige Kulissen, aufwendige Sets und digitale Effekte eine Welt erschaffen, die bewusst größer und absurder wirkt als jede Realität. Gerade diese visuelle Konsequenz macht „Digger“ zu einem Film, bei dem es selbst dann viel zu entdecken gibt, wenn die Handlung gerade ins Stolpern gerät. Iñárritu hat sichtlich Freude daran, seine Geschichte immer weiter zu überhöhen.
Allerdings ist „Digger“ schon sehr früh so überladen, dass es schwer fällt, einen Zugang zu seinen Figuren und seiner Geschichte zu finden. Der Film wirft ständig neue Ideen, Charaktere und Handlungselemente in den Räum. Vieles davon ist zunächst interessant, doch nur wenig bekommt die nötige Ruhe, um sich wirklich zu entwickeln. Dabei hätte der Film mit einer Länge von 129 Minuten diese Zeit gehabt. Er will in dieser Zeit viel zu viel erzählen und statt sich auf einzelne Konflikte zu konzentrieren, springt die Geschichte immer wieder weiter. Dadurch entsteht zunehmend der Eindruck, dass man einem Film dabei zusieht, wie er seine eigenen Einfälle abarbeitet ohne dabei immer einem roten Faden zu folgen.
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Besonders auffällig ist das bei den Figuren. „Digger“ versammelt eine ganze Reihe skurriler Charaktere, die jeweils das Potenzial für einen eigenen Film hätten. Manche tauchen auf, hinterlassen einen kurzen Eindruck und werden anschließend wieder von der nächsten Idee verdrängt. Andere bekommen zwar größere narrative Funktionen, bleiben aber trotzdem erstaunlich oberflächlich. Das ist vor allem deshalb frustrierend, weil der Film immer wieder andeutet, dass hinter seinen grotesken Figuren mehr steckt. Doch kaum ein Gedanke wird wirklich konsequent verfolgt.
So ist „Digger“ für mich ein Film, den ich interessanter finde, wenn ich über einzelne Aspekte nachdenke, als während ich ihn tatsächlich sehe. Das ist schade, weil die visuelle Gestaltung, überzogene Prämisse und tolle Besetzung große Lust darauf machen, diesen Film zu mögen. In jedem großen Set, jeder aufwändigen Kamerafahrt und jeder absurden Situation steckt hier der Wille, etwas Außergewöhnliches zu schaffen. Nur wird Außergewöhnlichkeit irgendwann zum Selbstzweck, wenn es ihr nicht gelingt, die Erzählung zusammenzuhalten. Am Ende bleibt deshalb ein ziemlich ambivalenter Eindruck. Die Zutaten für einen großartigen Film sind da, aber das Rezept geht nicht auf.
Im Podcast beim Tele-Stammtisch haben Stu und ich ausführlich über „Digger“ gesprochen. Hier geht es zur Podcast-Folge.
„Digger“ startet am 1. Oktober 2026 in den deutschen Kinos.