Das Ding mit Federn
Trauer lässt sich nur schwer in Worte fassen. Sie ist widersprüchlich, unberechenbar und so universell wie subjektiv. Regisseur Dylan Southern versucht in seinem neuen Film „Das Ding mit Federn“, diesem schwer zu beschreibenden Gefühl eine Gestalt zu geben. Dafür verbindet er ein Familiendrama über Verlust und Überforderung mit Elementen des psychologischen Horrors und einer surreal anmutenden Bildsprache. Doch so vielversprechend dieser Ansatz auch klingt, steht sich der Film letztendlich oft selber im Weg.
Ein junger Vater (Benedict Cumberbatch) muss nach dem plötzlichen Tod seiner Frau mit seiner eigenen Trauer zurechtkommen und gleichzeitig alleine für seine zwei kleinen Söhne sorgen. Während der Alltag weiterläuft und Verantwortung keine Pause kennt, gerät seine ohnehin fragile Welt zunehmend aus den Fugen. In schlaflosen Nächten wird er wiederholt von einer riesigen, menschenähnlichen Krähe heimgesucht. Sie wird zur Verkörperung jener Gefühle, die sich nicht so einfach begraben lassen wollen. Was zunächst wie eine groteske Erscheinung wirkt, entwickelt sich zu einer immer schwerer zu ignorierenden Präsenz, die den Vater zunehmend aus der Bahn wirft.
© Plaion Pictures
Benedict Cumberbatch erweist sich einmal mehr als zuverlässiger Hauptdarsteller. Er vermittelt die Erschöpfung und innere Zerrissenheit eines Mannes, der funktionieren muss, obwohl ihm die Kraft dazu zunehmend fehlt. Diese Spannung zwischen äußerer Verantwortung und innerem Kontrollverlust bietet Cumberbatch reichlich Gelegenheiten, seine darstellerischen Fähigkeiten auszuspielen. Dabei lässt er die Verzweiflung seiner Figur immer wieder in kleinen Gesten und affektiven Reaktionen durchscheinen. Gerade wenn die Fassung des Protagonisten brüchig wird, gewinnt seine Darstellung an Intensität.
Die fantastische Ebene, die „Das Ding mit Federn“ durch die krähenartige Kreatur erhält, eröffnet Möglichkeiten, die ein realistisches Familiendrama kaum hätte. Sie erlaubt es, innere Zustände zuzuspitzen, sie real bedrohlich werden zu lassen und die emotionale Wirklichkeit des Protagonisten in eine filmische Form zu übersetzen. Die Krähe macht die Wut, Verzweiflung und Überforderung des Vaters sichtbar, ohne dass diese Gefühle ausschließlich über Dialoge vermittelt werden müssen. Gerade ihre Größe und ihr groteskes Erscheinungsbild verleihen dem Film eine visuelle Eigenständigkeit. Die Bedrohung ist nicht abstrakt, sondern nimmt buchstäblich Raum ein und drängt sich in das Leben der Familie.
© Plaion Pictures
Allerdings nutzt der Film diese Möglichkeit nicht konsequent aus. „Das Ding mit den Federn“ erklärt oft zu viel und zwar an genau den Stellen, an denen die Bilder die Dialoge eigentlich ersetzen. Visuell transportiert der Film bereits eine ganze Reihe von Emotionen und Bedeutungen völlig ohne Worte. Der Film könnte darauf vertrauen, dass das Publikum die Zusammenhänge und metaphorischen Ebenen selbst herstellt. Stattdessen greift er wiederholt auf Voice-over-Passagen und ausgedehnte Monologe zurück, die die Bedeutung des Geschehens zusätzlich erläutern, kommentieren und vermeintlich bedeutungsschwerer machen. Tatsächlich passiert das Gegenteil und der Film verwässert seine stärksten Momente schon nach kurzer Zeit wieder.
„Das Ding mit Federn“ zeigt, wie schwer es sein kann, mit einem Verlust weiterzuleben, wenn der Alltag trotzdem keine Rücksicht nimmt. Gerade in der Verbindung aus familiärer Realität und grotesker Bedrohung liegt das Potenzial des Films: Trauer erscheint nicht als Zustand, den man irgendwann hinter sich lässt, sondern als etwas, das sich immer wieder in den Alltag drängt und den Blick auf die eigene Welt verändert. Dylan Southern findet dafür eine eigenständige Bildsprache, die lange nachwirken könnte. Umso bedauerlicher ist es, dass er ihr nicht durchgehend vertraut und die Wirkung seiner Inszenierung mit erklärenden Worten abschwächt. So bleibt ein Film, der gerade dort am stärksten ist, wo er nicht alles in Worte fassen will.
„Das Ding mit Federn“ startet am 15. Oktober 2026 in den deutschen Kinos.