28 Years Later: The Bone Temple
Mit „28 Years Later: The Bone Temple“ setzt sich das Franchise fort, das Anfang der 2000er das Zombie-Genre neu definierte. Regie führt diesmal nicht Danny Boyle, sondern Nia DaCosta und sie wagt dabei einen mutigen Schritt: weniger Endzeit-Action, mehr Abstieg in moralische, religiöse und psychologische Abgründe. Das Ergebnis ist ein verstörender, stellenweise schwer verdaulicher, aber faszinierender Film, der sein Publikum nicht schont.
Die Handlung setzt unmittelbar nach den Ereignisse des Vorgängers ein und verlagert den Fokus vom zerstörerischen Virus auf die tiefsten Abgründe menschlicher Überlebensstrategien. Der junge Spike (Alfie Williams) wird in die Fänge eines satanistischen Kults um Sir Jimmy Crystal (Jack O’Connell) gezogen. Währenddessen arbeitet Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes) weiter an seinem Knochen-Tempel und erforscht den Alpha-Infizierten Samson (Chi Lewis-Parry), um den Auswirkungen des Virus auf den Grund zu gehen.
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Das Besondere an diesem Teil der Reihe ist die Verlagerung des Horrors von den „Zombies“ auf die Menschen. Die Infizierten sind längst nicht mehr die Hauptgefahr. Stattdessen zeigt DaCosta die verstörenden Entwicklungen einiger Überlebender, deren Grausamkeit oft schlimmer ist als jeder zombiehafte Angriff. Diese thematische Verschiebung hebt den Film von konventionellen Horror-Sequels ab und lenkt ihn in eine eher psycho-soziale Richtung. Dabei stellt der Film immer wieder die unbequeme Frage, ob eine Rückkehr zur Zivilisation überhaupt wünschenswert ist, wenn sie auf Fanatismus, Gewalt und Entmenschlichung basiert.
Ein Resultat dieses Umschwungs in Thema und Tonalität sind deutlich explizitere und für mich persönlich schwerer zu ertragende Gewaltdarstellungen. Statt Zombie-Splatter gibt es in diesem Teil des Franchise vor allem psychologisch motivierte Brutalität, ritualisierte Gewalt und eine beklemmende Darstellung von Machtmissbrauch. Viele Szenen wirken nicht schockierend im klassischen Sinne, sondern hinterlassen ein nachhaltiges Unwohlsein, das weit über den Abspann hinaus anhält. Das ist effektiv, aber sicher nicht für jedes Publikum leicht zu ertragen.
Ein wahres Highlight ist Ralph Fiennes Performance als Dr. Ian Kelson. Schon im Vorgänger brachte er mit seinem Charakter eine besondere und sehr menschliche Note in die Handlung. In „28 Years Later: The Bone Temple“ setzt er nochmal einen drauf. Seine ruhige Präsenz dient als moralischer und emotionaler Anker innerhalb der düsteren Erzählung: ein Mann, der verstehen will, statt zu verurteilen. Auch Jack O’Connell als Sir Jimmy Crystal überzeugt auf ganzer Linie. Er verkörpert seinen Charakter mit einer charismatischen Gefährlichkeit, die es leicht macht zu verstehen, warum Menschen ihm folgen. Crystal ist kein eindimensionaler Bösewicht, sondern ein Mann, der Erlösung verspricht und dabei gezielt Ängste, Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit ausnutzt.
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Der Mitte 2025 erschienene Vorgänger „28 Years Later“ lenkte das Franchise in eine neue Richtung. Er hat es geschafft, eine Emotionalität, Bedachtheit und Menschlichkeit in diese Reihe und das Genre zu bringen, die ich nach „28 Weeks Later“ nicht erwartet hätte. „28 Years Later: The Bone Temple“ setzte diese Entwicklung fort, während er aber gleichzeitig pessimistischer wirkt. Die Hoffnungsschimmer des ersten Teils werden hier bewusst infrage gestellt, ohne sie komplett auszulöschen.
„28 Years Later: The Bone Temple“ ist der zweite Teil der „28 Years Later“-Trilogie und ein düsteres, anspruchsvolles Sequel, das sich mit Glauben, Schuld, Wissenschaft und dem moralischen Verfall der Menschheit auseinandersetzt. Der Film fordert sein Publikum. Er verzichtet weitgehend auf bekannte Genre-Reize und entscheidet sich stattdessen für Atmosphäre, Figurenzeichnung und thematische Tiefe. Eine weitere Fortsetzung wurde bereits bestätigt und wird Cillian Murphy als Jim aus „28 Days Later“ zurück ins Franchise holen.
Im Podcast beim Tele-Stammtisch haben Stu, Niklas und ich noch ausführlicher über „28 Years Later: The Bone Temple“ philosophiert und diskutiert. Zum Podcast hier klicken.
„28 Years Later: The Bone Temple“ startet am 15. Januar 2026 in den deutschen Kinos.