Hamnet
Für viele gilt er als der größte Dramatiker seiner Zeit, doch sein Leben bleibt häufig hinter seinem Werk verborgen: William Shakespeare. Mit ihrem neuen Film „Hamnet“ wagt Chloé Zhao einen eindringlichen Blick hinter den Mythos Shakespeare. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell, den Zhao gemeinsam mit der Autorin für die Leinwand adaptierte, betritt der Film das Innenleben einer Familie, die durch einen der universellsten und zugleich schmerzhaftesten Prozesse geht, den ein Mensch erleben kann: den Verlust eines Kindes.
„Hamnet“ erzählt die fiktionalisierte Geschichte der Familie Shakespeare im England des 16. Jahrhunderts. Im Zentrum steht jedoch nicht der spätere Dramatiker William (Paul Mescal) sondern seine intuitive und naturverbundene Frau Agnes (Jessie Buckley). Ihr Alltag gerät aus den Fugen, als ihre Zwillinge an der Pest erkranken und Hamnet (Jacobi Jupe), der einzige Sohn der Familie, stirbt. Der Verlust treibt Agnes und William auseinander, zwingt sie aber zugleich, sich auf ihre ganz eigenen Weisen der Trauer zu stellen.
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Der Titel des Films ist keinesfalls ein Schreibfehler. Hamnet war der Name von Shakespeares Sohn, der im Alter von elf Jahren starb und ist zugleich nahezu identisch mit „Hamlet“, dem berühmtesten Trauerspiel des Autors. Es ist linguistisch belegt, dass diese beiden Namen im elisabethanischen England miteinander austauschbar waren. Es wird oft spekuliert, dass Shakespeare das Stück in Erinnerung an seinen verstorbenen Sohn verfasst hat. Zhaos Film entwickelt diese Idee emotional tiefgreifend weiter, sodass historische Fakten und Fiktion verschwimmen.
Verstärkt wird dies auch dadurch, dass Shakespeares Name erst gegen Ende der Erzählung fällt. Seine Persona baut sich erst langsam im Verlauf der Erzählung auf. Auf diese Weise wird der Mythos entkleidet und der Mensch dahinter freigelegt. William ist hier nicht „Shakespeare“, sondern ein Vater, der scheitert, weil er nicht anwesend ist, und ein Ehemann, der keinen Zugang zur Trauer seiner Frau findet. Zhao verzichtet auf übermäßige historische Details zugunsten einer zutiefst menschlichen Erzählung.
Jessie Buckleys kraftvolles und rohes Schauspiel trägt den Film. Ihre Agnes ist komplex, körperlich und eine Frau, die liebt, zweifelt und kämpft. Sie liefert eine Darstellung weiblicher Trauer, die sich jeder Romantisierung verweigert und mitten ins Mark trifft. Paul Mescal verkörpert Shakespeare mit einer stillen Melancholie, die sich schleichend entfaltet. Er zeigt einen Mann, der nicht aus Genialität schreibt, sondern aus dem Bedürfnis etwas festzuhalten, das unwiederbringlich verloren ist. Sein William ist oft abwesend, gefangen zwischen London und Stratford, zwischen öffentlichem Erfolg und privatem Versagen. Die erzählerische Zurückhaltung in Bezug auf William macht deutlich, wie sehr der Film Agnes’ Perspektive verpflichtet ist.
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Visuell überzeugt „Hamnet“ auf ganzer Linie. Weite Landschaften, natürliche Lichtquellen und eine ruhige, beobachtende Kamera prägen die Inszenierung. Die Natur wird zum Spiegel der inneren Zustände der Figuren: windgepeitschte Felder, dunkle Wälder und fließendes Wasser begleiten Agnes’ Trauer. Die Kamera bleibt oft auf Augenhöhe, beobachtet aus der Distanz und lässt den Figuren Raum, sich zu entfalten. Die zurückhaltenden Schnitte lassen Erinnerungen, Vorahnungen und Gegenwart miteinander verschmelzen. Die sparsam eingesetzte Musik unterstreicht diese Atmosphäre und lässt Stille als zentrales Ausdrucksmittel wirken.
„Hamnet“ ist ein leiser, intensiver Film über Verlust, Erinnerung und die fragile Verbindung zwischen Leben und Tod. Chloé Zhao gelingt es, den übermächtigen Schatten Shakespeares zu umgehen, indem sie sich bewusst gegen eine klassische Künstlerbiografie entscheidet und eine universelle Geschichte über Trauer zu erzählt, die zeitlos wirkt. Der Film sucht keine großen Erklärungen für das Entstehen von Kunst und erhebt keinen Anspruch auf historische Wahrheiten. Vielmehr beobachtet er, wie Trauer Beziehungen verändert, Nähe erschwert und Menschen auf unterschiedliche Weise vereinzelt. Gerade diese Zurückhaltung verleiht „Hamnet“ seine Kraft: Zhao vertraut auf Bilder, Stille und Schauspiel, um emotionale Prozesse erfahrbar zu machen.
„Hamnet“ startet am 22. Januar 2026 in den deutschen Kinos.