Vertigo
Es gibt nur wenige Filme, deren Ruf im Laufe der Jahrzehnte so sehr gewachsen ist wie Alfred Hitchcocks „Vertigo“. Während der Film bei seiner Veröffentlichung 1958 noch verhalten aufgenommen wurde, gilt er heute als eines der größten Meisterwerke der Filmgeschichte. Durch seine präzise Auseinandersetzung mit Obsession und psychologischer Projektion gliedert er sich im Juli perfekt in das heimkino.-Programm zum Thema „Can’t Let Go“ ein.
Der ehemalige Polizeidetektiv John „Scottie“ Ferguson (James Stewart) leidet nach einem traumatischen Einsatz unter Höhenangst und Schwindel. Ein alter Freund engagiert ihn, seine Ehefrau Madeleine (Kim Novak) zu beschatten. Angeblich verhält sie sich merkwürdig und scheint von einer verstorbenen Vorfahrin besessen zu sein. Scottie lehnt zunächst ab, doch nach und nach zieht ihn die geheimnisvolle Frau immer tiefer in ihren Bann. Aus professioneller Distanz wird persönliche Faszination, aus Neugier entsteht eine Obsession, die sein Leben zunehmend einnimmt.
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„Vertigo“ beginnt wie ein klassischer Detektivfilm: Scottie folgt Madeleine durch San Francisco, beobachtet ihre rätselhaften Ausflüge auf Friedhöfe, in Museen und an Orte, die scheinbar von einer übernatürlichen Präsenz heimgesucht werden. So entsteht ein Sog, der den Zuschauer in die gleiche Position versetzt wie Scottie. Auch wir beginnen, Madeleine zu beobachten. Wir suchen nach Bedeutungen in ihren Gesten, versuchen ihr Verhalten zu entschlüsseln und übernehmen unmerklich Scotties Blick auf diese Frau. Erst später wird deutlich, wie manipulativ dieser Blick eigentlich ist. Denn Scotties Faszination und späteren romantischen Gefühle beziehen sich nicht auf Madeleine als eigenständigen Menschen, sondern auf das Bild, das er in seinem Kopf von ihr geschaffen hat.
Die inhaltliche Wendung in der Mitte des Films bricht die Erzählung auf und bringt genau diese zunächst subtilen psychologischen Motive an die Oberfläche. Plötzlich verschiebt sich der Schwerpunkt vom Kriminalfilm hin zur psychologischen Studie über Besessenheit, Projektion und den Wunsch, die Realität nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Gerade dieser erzählerische Bruch macht „Vertigo“ so außergewöhnlich: Der Film lässt die inhaltlichen Erwartungen, die er zu Beginn erweckt, fallen und entzieht seinem Publikum den gewohnten Spannungsbogen eines klassischen Thrillers.
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Visuell gehört „Vertigo“ zu Hitchcocks beeindruckendsten Arbeiten. Farbliche Akzente in Rot- und Grüntönen kommen in Technicolor intensiv zur Geltung. Die elegante Kameraarbeit, die präzise komponierten Einstellungen und der gezielte Einsatz von Farbe machen Scotties innere Welt unmittelbar erfahrbar. Legendär ist außerdem der sogenannte „Vertigo-Effekt“ – eine Kombination aus Kamerafahrt und Zoom, inzwischen auch als „Dolly-Zoom“ bekannt, die bis heute unzählige Male reproduziert wurde und zu den bekanntesten Stilmitteln der Filmgeschichte zählt.
Oft wird „Vertigo“ als eine persönliche Auseinandersetzung Hitchcocks damit interpretiert, wie er mit Darstellern umgeht. Scottie versucht, eine Frau bis in jedes Detail ihres Aussehens und Verhaltens zu kontrollieren. Hitchcock selbst war dafür bekannt, Schauspielerinnen und Schauspieler vordergründig als Vehikel für seine eigene Vision zu sehen und hat einmal gesagt, man solle sie wie Vieh behandeln. Diese anscheinende Meta-Ebene bietet viel Diskussionsstoff. Ist „Vertigo“ eine bewusste Selbstreflexion oder verarbeitet Hitchcock hier lediglich unterbewusst seine eigene Vorstellung von Kontrolle, Inszenierung und Schönheit?
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Kaum ein Film des Juli-Programms verkörpert das Monatsthema „Can't Let Go“ so unmittelbar wie „Vertigo“. Statt Abschied zu nehmen, versucht Scottie verzweifelt, die Vergangenheit festzuhalten und sie nach seinen eigenen Vorstellungen wiederherzustellen. Gerade dieser Wunsch, Vergangenes ungeschehen zu machen oder zumindest künstlich zu bewahren, verbindet den Film mit dem heimkino.-Monat. Hitchcock zeigt, dass zwanghaftes Festhalten nicht romantisch ist, sondern zu einer zerstörerischen Obsession werden kann – für einen selbst und für die Menschen in der eigenen Umgebung.
Seine Vielschichtigkeit macht „Vertigo“ bis heute so faszinierend. Der Film lässt sich als Thriller, als Liebesgeschichte, als psychologisches Drama oder als Reflexion über das Kino selbst lesen. Mit jeder Sichtung treten neue Details hervor und eröffnen andere Interpretationen. Mehr als 65 Jahre nach seiner Veröffentlichung hat „Vertigo“ nichts von seiner Wirkung verloren. Gerade auf der großen Leinwand entfaltet der Film jene Sogwirkung, die ihn zu einem der bedeutendsten Werke der Kinogeschichte gemacht hat.
Im Juli dreht sich im heimkino.-Programm alles um die Dinge, die wir nicht loslassen können, auch wenn das vielleicht besser wäre. Hier geht es zur Monatsübersicht.