The Royal Tenenbaums
Es gibt Filme, die sich anfühlen, als würde man in fremden Erinnerungen blättern. Wes Andersons „The Royal Tenenbaums“ ist ein solcher Film: präzise arrangiert, eigenwillig im Ton und von einer stillen, seltsam warmherzigen Melancholie durchzogen, die sich langsam aber sicher in die Herzen des Publikums schleicht. Passender könnte der Abschluss des Dezembers zum Thema „Family Ties“ bei heimkino nicht sein.
Der Film erzählt die Geschichte der exzentrischen Familie Tenenbaum, deren drei Kinder einst als Genies galten, im Erwachsenenalter jedoch an gescheiterten Karrieren, emotionaler Isolation und unerfüllten Beziehungen leiden. Finanzgenie Chas (Ben Stiller) lebt nach dem Unfalltod seiner Frau in permanenter Angst um seine Söhne, Adoptivtochter Margot (Gwyneth Paltrow), gefeierte Drehbuchautorin in jungen Jahren, verbirgt hinter ihrer kühlen Fassade tiefe Depressionen und Geheimnisse, während Tennisstar Richie (Luke Wilson) nach einem Nervenzusammenbruch den Halt verloren hat. Als der lange abwesende, selbstsüchtige Vater Royal Tenenbaum (Gene Hackman) vorgibt, todkrank zu sein, um wieder Zugang zu seiner Familie zu erhalten, kommen alle Tenenbaums im Haus ihrer Mutter Etheline (Anjelica Huston) zusammen und alte Verletzungen, Rivalitäten und Sehnsüchte werden neu aufgerissen.
© Buena Vista Home Entertainmen
Wes Andersons unverwechselbare Ästhetik und akkurater Stil sind längst zu einer ikonischen filmischen Sprache geworden – doch in „The Royal Tenenbaums“, dem dritten Spielfilm seiner Karriere, wirkt die gesamte Inszenierung noch wärmer und weniger selbstreferenziell als in seinen späteren Arbeiten. Die penibel komponierten Einstellungen, die symmetrischen Bilder und die detailverliebten Requisiten strahlen in warmen Farben und dienen nicht bloß der formalen Spielerei. Sie fungieren als emotionale Landkarte: Das Tenenbaum-Haus ist weniger Zuhause als viel mehr ein Museum der Vergangenheit – ein Ort, an dem Erinnerungen konserviert werden, während Beziehungen verfallen.
Der Film ist in Kapitel aufgeteilt und erweckt dadurch den Eindruck, als würde man als Zuschauer durch einen Roman blättern, dessen Figuren sich ihrer eigenen Tragik bewusst sind, ihr aber dennoch nicht entkommen. Andersons Humor ist trocken, oft lakonisch und nicht selten absurd. Doch unter jeder Pointe liegt ein leiser Schmerz. Lachen und Traurigkeit stehen nie im Widerspruch, sondern koexistieren, so wie sie es auch im echten Leben oft tun. Hier findet der Film eine schöne Balance: Er erlaubt es, über die Figuren zu schmunzeln, ohne sie jemals bloßzustellen und dabei trotzdem noch mit ihnen mitzufühlen.
© Buena Vista Home Entertainmen
Für mich persönlich ist es in den letzten Jahren zum Ritual geworden, „The Royal Tenenbaums“ in der Weihnachtszeit zu schauen. Vielleicht, weil der Film wie kaum ein anderer davon erzählt, wie sehr familiäre Zusammenkunft mit Einsamkeit einhergehen kann – und wie tröstlich es ist, diese Ambivalenz auf der Leinwand gespiegelt zu sehen. Er erlaubt, Gefühle zuzulassen, die in dieser Zeit oft keinen Platz haben: Enttäuschung, Müdigkeit, alte Kränkungen, aber auch die leise Hoffnung, dass Nähe und Versöhnung trotz allem möglich bleibt.
Somit hat es mich umso mehr gefreut, dass der Film den Abschluss des Dezember-Programms bei heimkino zum Thema „Family Ties“ bildet. Der Film zeigt Familie nicht als sicheren Hafen, sondern als emotionales Geflecht aus Erwartungen, Versäumnissen und Rollen, die sich tief eingebrannt haben. Die Tenenbaums sind miteinander verbunden, ohne wirklich zueinander zu finden. Und doch bleibt das Band zwischen ihnen stets bestehen – brüchig, widersprüchlich und unausweichlich. Damit greift der Film zentral auf, was das Dezemberprogramm bei heimkino auszeichnet: die Abkehr vom Bild der perfekten Familie und die Hinwendung zu Geschichten, in denen Verbundenheit nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Unvollkommenheit erfahrbar wird.
„The Royal Tenenbaums“ ist ein Film über das Leben nach dem Applaus. Darüber, was passiert, wenn der Vorhang fällt, die Scheinwerfer erlöschen und eine dysfunktionale Familie mit sich selbst konfrontiert wird – eine Familie, die einander braucht, aber nicht weiß, wie sie das zeigen soll. Wes Anderson gelingt ein seltenes Kunststück: Er erschafft eine hochstilisierte Welt, die dennoch emotional wahrhaftig bleibt. Hinter der sorgfältig arrangierten Fassade verbirgt sich letztendlich ein zutiefst menschliches Drama, das sich anfühlt, wie eine lange, warme, tragisch-komische Umarmung.
Hier geht es zur Monatsübersicht für den Dezember zum Thema “Family Ties”.