Sorry, Baby

Mit „Sorry, Baby“ liefert Eva Victor ihr Regiedebüt und wählt dafür einen bemerkenswert reduzierten Ansatz. Anstatt große Thesen oder laute Bilder zu formulieren, vertraut Victor auf Beobachtung, auf Rhythmus und auf die Wirkung subtiler Gesten. Mit einem feinen Gefühl für Erzählung und Ton ist ihr Film ruhig in seiner Form, präzise in seiner Inszenierung und geprägt von dem Vertrauen, dass das Ungesagte oft mehr erzählt als jede explizite Dramatisierung.

Agnes (Eva Victor), eine junge Literaturprofessorin, führt ein äußerlich ruhiges und unspektakuläres Leben in ihrem kleinen, abgelegenen Haus. Sie unterrichtet, schreibt, verbringt Zeit mit ihrer besten Freundin Lydie (Naomi Ackie) und richtet sich in den Routinen das Alltags ein. Doch nachdem Agnes „ein schlechtes Ding“ passiert – ein sexueller Übergriff durch ihren vertrauten Professor – nehmen Folgen dieses einschneidenden Ereignisses langsam aber sicher ihr Leben und ihre Realität ein.

Naomi Ackie und Eva Victor als Lydie und Agnes in "Sorry, Baby" Regie Eva Victor

© A24

Der Film erzählt dieses Danach des Übergriffs nicht linear, sondern bricht Zeit und Erinnerung in Kapitel. Diese fragmentierte Struktur spiegelt Agnes’ innere Verfassung wider: Momente wirken wie abgeschnitten, andere wiederholen sich, als ließen sie sich nicht abschütteln. Vergangenheit und Gegenwart verfangen sich dabei immer wieder ineinander. Der Film verzichtet konsequent auf klassische dramatische Zuspitzungen. Stattdessen bleibt „Sorry, Baby“ nah an Agnes’ Perspektive – und an ihrer Unsicherheit darüber, wie viel Raum das Erlebte in ihrem Leben einnehmen darf oder muss.

Dabei gelingt es der Erzählung, leichte Alltagsszenen neben verunsichernde, oft tragische Augenblicke und Rückschläge treten zu lassen. Beiläufige Gespräche und sogar scherzhafte Momente können binnen Sekunden in intensives Unbehagen kippen. Humor wird hier nicht als Entlastung eingesetzt, sondern als Teil einer Realität, in der Lachen und Verletzung nebeneinander existieren. In all dieser Tragikkomik hat Eva Victor ein außerordentlich präzises Tongefühl und ein feines Gespür für sprunghafte Änderungen des erzählerischen Tons, die sich stets organisch anfühlen.

Eva Victor als Agnes in "Sorry, Baby" Regie Eva Victor

© A24

Obwohl sie parallel Regie führt und die Hauptrolle übernimmt, ist Eva Victors Darstellung stets authentisch und nie überheblich oder selbstinszenierend. Ihr Schauspiel ist konsequent zurückgenommen und verweigert jede Form von emotionaler Ausbuchstabierung. Agnes ist keine „gebrochene“ Figur im klassischen Sinn, sondern eine, die funktioniert, reagiert, scherzt und sich organisiert, während sich unter ihrer Oberfläche etwas dauerhaft verschoben hat. Diese Ambivalenz macht ihre Performance schwer abzuschütteln.

„Sorry, Baby“ ist ein leises, doch kraftvolles Werk mit Nachhall, das sich gängigen Erwartungshaltungen bewusst entzieht und gerade dadurch eine große emotionale Wirkung entwickelt. Der Film ist kein bequemes Seherlebnis – er verlangt, dass man Ambivalenz aushält. Die Mischung aus Lachen und Unbehagen ist so präzise inszeniert, dass sie lange nach dem Abspann weiterwirkt. Damit erweist sich der Film als ein bemerkenswertes Debüt und macht gespannt darauf, was Eva Victor in Zukunft auf die Leinwand bringt.

„Sorry, Baby“ startet am 18. Dezember 2025 in den deutschen Kinos.

Filmposter "Sorry, Baby" Eva Victor
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