Disclosure Day

Die Frage nach außerirdischem Leben hat Steven Spielbergs Karriere geprägt wie kaum ein anderes Thema. Mit „Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit“ kehrt er erneut zu jenem Motiv zurück, das bereits Filme wie „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ oder „E.T.“ begleitet hat. Doch statt eines reinen Science-Fiction-Abenteuers präsentiert Spielberg diesmal einen Film, der Verschwörungsthriller, Gesellschaftsdrama und metaphysische Sinnsuche miteinander verbinden möchte. Das Ergebnis ist ein Werk voller Ambitionen, das jedoch nicht immer die emotionale und erzählerische Kraft entwickelt, die seine Prämisse verspricht.

Der Cybersicherheitsexperte Daniel Kellner (Josh O’Connor) arbeitet für die Firma Wardex, die für die amerikanische Regierung geheime Dokumente verwahrt. Er stiehlt die Geheimnisse, die er eigentlich schützen soll und will diese vor der ganzen Welt veröffentlichen, um eine 79 Jahre alte Lüge zu beenden. Parallel dazu entwickelt die Meteorologin Margaret Fairchild (Emily Blunt) nach einer Begegnung mit einem Rotkardinal seltsame Fähigkeiten und während einer Live-Fernsehsendung beginnt sie plötzlich, in einer außerirdischen Sprache zu sprechen. Als Daniel und Margarets Schicksale sich kreuzen, geraten beide ins Visier mächtiger Interessengruppen, die alles daran setzen, die Wahrheit weiterhin verborgen zu halten.

Emily Blunt und Josh O'Connor als Margaret Fairchild und Daniel Keller in "Disclosure Day" von Steven Spielberg

© Universal Studios. All Rights Reserved.

Auf inszenatorischer Ebene beweist dieser Film allemal, warum Spielberg zu den herausragendsten Regisseuren des modernen Kinos gehört. Gemeinsam mit seinem langjährigen Kameramann Janusz Kaminski erschafft er Bilder von beeindruckender atmosphärischer Dichte. Die Kamera gleitet mit visueller Eleganz durch kühle Regierungsgebäude, weitläufige Landschaften und nächtliche Stadtansichten. Besonders in den Momenten, in denen das Übernatürliche in die Realität einbricht, entwickelt der Film einen visuell hypnotische Effekt. Auch John Williams' Filmscore trägt erheblich zur Wirkung bei. Viele Szenen gewinnen durch seine Kompositionen an Gewicht und Bedeutung, selbst wenn die Handlung gerade auf der Stelle tritt.

Über weite Strecken vermittelt der Film das Gefühl, kurz vor einer gewaltigen Offenbarung zu stehen. Er baut sich immer weiter auf, sammelt Spannung und offene Fragen an, doch je näher die Handlung ihrem Ziel kommt, desto deutlicher wird, dass der Film selbst nicht genau weiß, was er mit dieser Spannung überhaupt anfangen möchte. Ständig wird Bedeutung aufgebaut, ohne dass diese sich letztendlich wirklich entfaltet. Was zunächst geheimnisvoll und faszinierend wirkt, beginnt im letzten Drittel zunehmend frustrierend zu werden. Der Film verwechselt Mehrdeutigkeit häufig mit Tiefe und nicht jede unbeantwortete Frage regt automatisch zum Nachdenken an. Manchmal entsteht schlicht der Eindruck, dass das Drehbuch selbst keine befriedigende Antwort gefunden hat.

Colin Firth als Noah Scanlon in "Disclosure Day" von Steven Spielberg

© Universal Studios. All Rights Reserved.

Der Film möchte anscheinend etwas über unsere Gegenwart sagen. Es geht um Fake News, politische Manipulation, Vertrauensverlust und gesellschaftliche Polarisierung. Das sind relevante Themen, die extrem viel Substanz bieten. Allerdings deutet „Disclosure Day“ sie häufig nur an. Vieles bleibt auf der Ebene allgemeiner Beobachtungen und während der Film zwar viele Fragen sowie moralische und philosophische Denkansätze in den Raum wirft, vermeidet er konsequent eine klare Position. Was als Offenheit und Interpretationsspielraum gedacht sein mag, wirkt letztendlich eher wie Unentschlossenheit.

Spielberg erzählt eine Geschichte über die größte denkbare Enthüllung der Menschheitsgeschichte, behandelt deren gesellschaftliche Auswirkungen jedoch oftmals so, als würden wir noch in einer Welt leben, in der objektive Fakten automatisch gesellschaftliche Einigkeit erzeugen. Genau das wirkt angesichts unserer Gegenwart bemerkenswert realitätsfern. In Zeiten von Künstlicher Intelligenz, Deepfakes und einer zunehmenden Fragmentierung öffentlicher Diskurse erscheint die Vorstellung, eine globale Enthüllung würde von der Mehrheit der Menschen einfach akzeptiert werden, beinahe naiv.

Film Still "Disclosure Day" von Steven Spielberg

© Universal Studios. All Rights Reserved.

Am Ende bleibt das Gefühl, dass der Film während seiner gesamten Laufzeit auf Antworten hingearbeitet hat, die letztlich gar nicht gegeben werden wollen. Ambivalenz  kann eine Stärke sein, doch hier wirkt sie eher wie ein Ausweichen. „Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit“ ist kein schlechter Film. Dafür ist Spielbergs Inszenierung zu gut, die Besetzung zu stark und die Grundidee zu interessant. Dennoch ist es ein überraschend durchschnittlicher Film über ein außergewöhnliches Thema, der weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

„Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit“ startet am 10. Juni 2026 in den deutschen Kinos.

Filmposter "Disclosure Day" von Steven Spielberg
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