Dead of Winter – Eisige Stille

Schießereien, Explosionen, Verfolgungsjagden – solche Motive sind es, die viele Thriller dominieren. Mit „Dead of Winter – Eisige Stille“ legt Regisseur Brian Kirk einen Survival-Thriller vor, der sich wohltuend gegen die Reizüberflutung des Genres stellt. Bekannt geworden durch seine Arbeit an Serien wie „Game of Thrones“, beweist Kirk hier ein feines Gespür für Reduktion, Atmosphäre und psychologische Spannung und erschafft einen Film, der nicht auf Dauerfeuer setzt, sondern auf Verdichtung.

Barb (Emma Thompson) reist in die Abgeschiedenheit des nördlichen Minnesotas, um den letzten Wunsch ihres verstorbenen Mannes zu erfüllen: seine Asche an jenem einsamen See zu verstreuen, an dem ihre gemeinsame Geschichte einst begann. Tief in der Wildnis, ohne Handyempfang und Meilen entfernt von jeglicher Zivilisation, wird Barb Zeugin eines grausamen Verbrechens: eine junge Frau wird verschleppt und in einer verlassenen Hütte gefangen gehalten. Ganz auf sich allein gestellt, setzt Barb alles daran, das Mädchen zu befreien. Es beginnt ein nervenzerreißender Überlebenskampf, nicht nur gegen das skrupellose Entführer-Pärchen (Judy Greer und Marc Menchaca), sondern auch gegen die tödliche Kälte Minnesotas.

Judy Greer und Marc Menchaca als Präple Lady und Camo Jacket in "Dead of Winter" Brian Kirk

© Vertical

„Dead of Winter“ macht sein Setting zu einem der Hauptakteure der Erzählung. Die endlose Schneelandschaft ist isolierend, feindlich und beinahe lebendig in ihrer Unbarmherzigkeit. Die Natur wird zur konstanten Bedrohung und zum Treiber der Handlung, während sie gleichzeitig gegen und mit den Figuren arbeitet. Visuell dominieren monotone Bilder, die eine greifbare Kälte transportieren. Das Sounddesign verzichtet weitgehend auf aufdringliche Musik und setzt stattdessen auf Wind, knirschenden Schnee und das Knacken von Eis.

Formal bewegt sich „Dead of Winter“ zwischen Genre und Arthouse. Der Spannungsbogen ist da, aber Kirk erlaubt sich Leerstellen und Brüche. Oft gibt es Einschübe mit Rückblenden in Barbs Vergangenheit: Momente mit ihrem verstorbenen Mann, Blicke über den Küchentisch, gemeinsame Ausflüge. Diese Sequenzen sind weich ausgeleuchtet, wärmer im Ton und fast überdeutlich kontrastiert zur gnadenlosen Kälte der Gegenwart. Während diese Einschübe die Hintergründe von Barbs Handeln und Entschlossenheit deutlich machen, laufen sie jedoch Gefahr, das Offensichtliche zu unterstreichen. Manche dieser Erinnerungsmomente besitzen eine berührende Intimität, andere wirken etwas didaktisch und wie emotionale Wegweiser.

Marc Menchaca und Emma Thompson als Camo Jacket und Barb in "Dead of Winter" Brian Kirk

© Vertical

Getragen wird der Film vordergründig von Emma Thompson. Ihre Performance beruht nicht auf Action, sondern auf Widerstandskraft. Man sieht jede Erschöpfung in ihren Gesichtszügen und jeden eisigen Atemzug in der Kälte. Barb ist eine extrem menschliche und nahbare Heldin. Sie hat keine militärische Ausbildung, keine High-Tech-Gadgets und auch keine Rachegelüste aus der Vergangenheit. In einer Filmkultur, die Frauen über 60 selten viel Bildfläche bietet, ist es schön, dass der Film sie nicht in die Rolle der Superfrau zwingt und ihr spielerischen Raum lässt.

Auch die beiden Entführer, im Abspann als Purple Lady und Camo Jacket aufgeführt, sind keine eindimensionalen und kaltblütigen Bösewichte – ganz im Gegenteil: Sie sind, genau wie Barb, einfache Leute und handeln oft amateurhaft. Ihre Absichten und Beweggründe verleihen ihnen eine gewisse Menschlichkeit, die mit ihren brutalen Handlungen im stetigen Konflikt steht. Gerade diese Ambivalenz erzeugt Unbehagen. Der Film verweigert einfache moralische Zuschreibungen und zeigt Figuren, die sich zwischen Verzweiflung, Gewalt und Selbstrechtfertigung bewegen.

„Dead of Winter – Eisige Stille“ ist ein konzentrierter Thriller, der sich dem gängigen Eskalationsprinzip verweigert. Das eindringliche Spiel von Emma Thompson und die kluge Nutzung des Settings machen den Film sehenswert. Auch wenn nicht jede inszenatorische Entscheidung sitz und nicht jede Wendung überrascht, gelingt es dem Film, eine dichte und beklemmende Atmosphäre zu entfalten, die das Publikum an die Leinwand fesselt.

Im Podcast beim Tele-Stammtisch haben Johannes und ich „Dead of Winter – Eisige Stille“ ausführlich besprochen. Hier geht es zum Podcast.

„Dead of Winter – Eisige Stille“ startet am 19. Februar 2026 in den deutschen Kinos.

Filmposter "Dead of Winter" Brian Kirk, Emma Thompson
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